Logo Kapitalismusfehler


Keine Zukunft für das Weltwirtschaftssystem!

Keine Zukunft für das Weltwirtschaftssystem. So lässt sich das Fazit ziehen, das Lester Thurow in seinem Buch "Die Zukunft der Weltwirtschaft" beschreibt. Das Buch enthält bemerkenswerte Einsichten, obwohl Thurow immer wieder versucht, sich an seinen eigenen Erkenntnissen vorbeizumogeln, um zumindest an einigen Stellen das Hohe Lied des Kapitalimus zu singen. Thurow will allen Kapitalismuskritikern den Wind aus den Segeln nehmen, in dem er alle Schlechtigkeiten des Systems zugibt und sie als unvermeidliche Begleiterscheinungen eines durch nichts aufzuhaltenden Wirtschaftssystems ausgibt. Letztlich wird aber das System gegen die Wand fahren, weil sich niemand traut, die schmerzhaften Veränderungen zur (un-) möglichen Rettung des Systems einzuleiten. Andererseits gibt es nach Thurows Meinung keine Alternative zum Kapitalismus, weil Kommunismus und Sozialismus gescheitert seien. Auf die Idee, dass Wirtschaften auch nach anderen Regeln gestaltet werden kann, ja sogar gestaltet werden muss, kommt Thurow nicht. Deshalb engen sich die Vorschläge von Thurow ein auf Flickschusterei am bestehenden System, allerdings mit geringen Erfolgsaussichten, wie er selbst meint. Das ist ein bisschen zu wenig für einen der bedeutendsten Wirtschaftsprofessoren vom angesehenen Massachusetts Institute of Technology (MIT), USA. Worum geht es im Einzelnen?

Thurow von den Finanzkrisen berauscht

Zunächst befasst sich Thurow mit den Finanzkrisen und weist darauf hin, dass die Geschichte des Kapitalismus mit Hunderten von Finanzkrächen und Wirtschaftsrezessionen übersät ist. Das allein wäre schon Grund genug, sich um ein besseres System zu bemühen. Thurow erklärt jedoch auf Seite 57, dass "nicht aufrechtzuerhaltende Finanzbooms, plötzliche finanzielle Kernschmelzen und scharfe Rezessionen in den Gencode des Kapitalismus eingebaut sind."
Damit will Thurow den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Thurow will den Eindruck erwecken, dass es sich beim Kapitalismus um etwas Naturgesetzliches handele, dass sich nicht verändern lasse und man deshalb dessen Schwächen hinnehmen müsse. Das ist natürlich Unsinn. Der Kapitalismus ist ein von Menschenhand entwickeltes fehlerhaftes System mit erkennbar vielen Schwächen, das auch von Menschenhand wieder verändert werden kann, wenn man denn wollte. Von einem Gencode, von einem Naturgesetz kann also keine Rede sein. Weshalb sollten wir ein System mit so vielen Finanzkrächen und Rezessionen akzeptieren? Nach Thurow werden wir auf der anderen Seite mit den Vorteilen des Kapitalismus belohnt. Welche Vorteile meint Thurow? Das ist nicht leicht zu erkennen. Für die meisten US-Amerikaner im kapitalistischsten Land hat sich das System nicht gelohnt. Auf Seite 71 heißt es nämlich: "Seit den frühen siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist das Real­einkommen der 10 Prozent männlicher Spitzenkräfte zwischen 18 und 64 Jahren um 30 Prozent gestiegen, während das Einkommen des Durchschnittsverdieners um 8 Prozent gesunken ist. Aber es ist schwer zu glauben, dass die wirt­schaftliche Ungleichheit in Demokratien unbegrenzt zunehmen könnte." Und auf Seite 68 heißt es deshalb folgerichtig:
Lotterie
Natürlich brauchen wir ein System, das genau anders herum funktioniert: viele Gewinner und wenige Verlierer. Im weiteren Verlauf macht Thurow dann die Schlechtigkeit der Menschen für die Schlechtigkeit des Kapitalismus verantwortlich. Der Mensch werde hauptsächlich von Habgier und Eigennutz getrieben. Und diese Eigenschaften werden vom Kapitalismus in idealer Weise bedient. Auf Seite 62 heißt es: "Die Habgier veranlasst Menschen, schwer zu arbeiten, ihren Konsum einzuschränken und ih­ren gesamten Besitz durch die Gründung eines neuen Unternehmens aufs Spiel zu setzen. Habgier führt zu Wirtschaftswachstum und einem höheren Lebensstandard. Aber Habgier löst auch Finanzkräche aus." "Es ist wichtig zu begreifen, dass all diese Ereignisse durch dieselbe Genstruktur verursacht wurden, die auch für die Erfolge des Kapita­lismus verantwortlich ist. Deshalb lassen sich solche Fehlschläge nicht völlig ausschalten. Die negativen Aspekte zu beseitigen würde bedeuten, auch die positiven Aspekte zu entfernen. Die Krisen des Kapitalismus sind nicht zufälliger, sondern genetischer Art." (Seite 61). Das, was Thurow hier beschreibt, würde jedem objektiven Fachmann nur einen Schluss erlauben, aus einem solchen System auszusteigen. Habgier ist ein schlechter Kompass. Habgier führt auch nicht zu schwerem Arbeiten, sondern eher zu Betrug und dem Ziel, möglichst ohne Arbeit und auf Kosten anderer Leute reich zu werden, z. B. an den Finanzmärkten. Sichere Krisen und unsichere Erfolgfaktoren wie Wachstum, das per se kein Erfolgsfaktor ist, und Wohlstand, der gerade im Mutterland des Kapitalismus an den breiten Massen vorbei geht, zeigen ein nicht akzeptables Ungleichgewicht des Systems.Unsichere Erfolgsfaktoren und sichere Krisen, niemand würde an der Börse in ein solches Unternehmen investieren. Dass ausgerechnet ein solches System für das Wohl und Wehe der gesamten Menschheit verantwortlich ist, ist ein Offenbarungseid für die sogenannten Experten und Politiker. Offenbarungseid ist hierbei wörtlich zu nehmen, denn das System steuert auf seinen Zusammenbruch zu, wie Thurow selbst zugibt. Wir kommen darauf noch zurück.
Thurow-Cover1
Beschäftigen wir uns zunächst mit den Finanzkrisen, an denen sich Thurow zu berauschen scheint. Denn die Finanzkrisen sind für Thurow der Beweis, dass der Kapitalismus ein sehr robustes Sytem ist, dem keine Finanzkrise bisher den Garaus machen konnte. Diese Einstellung ist in vielerlei Hinsicht anstößig. Es kommt erstens nicht darauf an, dass ein fehlerhaftes Sytem überlebt, ganz gleich wie groß die Fehler sind und welchen Schaden es anrichtet. Und zweitens verliert Thurow kein Wort über die Verlierer dieser Krisen. Ganz im Gegenteil: Denn nach Thurow (siehe weiter oben) braucht der Kapitalismus viele Verlierer zum Überleben. Deshalb ist zum Beispiel der Niedergang Argentiniens (mehr als die Hälfte der Argentinier leben seit der letzten Finanzkrise in bitterer Armut in einem an sich reichen Land) für Thurow nur ein Fliegenschiss der Weltgeschichte, weil die argentinische Krise das Weltfinanzsystem nicht zum Einsturz bringen konnte. Thurow gibt auch ganz unumwunden zu, dass die internationalen Finanzorgansisationen nicht für die Menschen da sind, sondern nur, um das Überleben des Finanzsystems zu ermöglichen, koste es die betroffenen Menschen, was es wolle.
"IWF-Hilfsleistungen haben den Zweck, das globale Finanzsystem zu schützen, und nicht den, Ländern die Lösung ihrer internen Finanzprobleme zu ermöglichen. Interventionen werden nicht durch »wohltätige« Gefühle ausgelöst. Sie dienen nicht dazu, anderen zu helfen." (Seite 118).
Kein Wort verliert Thurow über die zig Millionen Arbeitslosen und Verarmten, die die Finanzkrisen der letzten beiden Jahrzehnte hervorgebracht haben. Durch Währungsverfall haben die betroffenen Länder heute ein Mehrfaches an Schulden, gemessen in ihrer eigenen Währung, als vor der Krise.
"1997 nahm eine asiatische Krise in Thai­land ihren Anfang und griff rasch auf Malaysia, Indonesien, die Philipinen und Südkorea über. Sie erschütterte die Grundlagen der Dritten Welt, da die betroffenen Länder noch ein paar Monate zuvor von der Weltbank als beste internationale Beispiele der Wirtschaftsentwicklung gepriesen worden waren. Im Gegensatz zu Lateinamerika waren ihre Haushalte nicht ausgewuchert, ihre Regierungen schuldeten ausländi­schen Banken keine gewaltigen Geldsummen, sondern verfügten über hohe Spar- und Investitionsquoten." (Seite 57/58). Dass die Finanzkrisen auch gesunde Länder in den Ruin treiben können, beeindruckt Thurow nicht, macht ihn nicht nachdenklich. Hauptsache, das Gesamtsystem wird nicht gefährdet. Nach Thurow müssen sich alle Länder diesen unkalkulierbaren Risiken aussetzen. Denn Aussteigen ist nur möglich um den Preis der Verarmung. Drinbleiben kann auch Verarmung bedeuten, aber auch zumindest zeitweise profitieren von den Brosamen der Reichen. Eine höchst ungemütliche Alternative.

Wirtschaften ohne Masterplan.

Hinzu kommt noch folgendes: Die augenblickliche Globalisierung erfolgt ohne Masterplan. "Es ist wichtig zu verstehen, dass die gegenwärtige Globalisierungs­welle nicht durch die Politik ausgelöst worden ist. Regierungen be­schlossen nicht, die globale Beschaffung und das globale Marketing einzuleiten, und sie förderten keine grenzüberschreitenden Unterneh­mensfusionen. Sie waren nicht für den Beginn des elektronischen Han­dels verantwortlich und schufen keine globalen Finanzmärkte. Dies ist kein Prozess, den Regierungen einleiten, unterbrechen, beschleunigen, verlangsamen oder in dem sie sich ihre Beteiligung präzise aussuchen können." (Seite 21). Die Unternehmen bestimmen hauptsächlich, wie und wo Globalisierung stattfindet. Verantwortung für ihr Handeln übernehmen sie jedoch nicht. Das müssen die Staaten tun. Die haben jedoch nach Thurow weitgehend die Kontrolle über die Wirtschaft verloren. Ein Dilemma. Nach Thurow ist der Kapitalismus selbst ein Dilemma, ohne dass Thurow einen Ausweg weiß. Er stellt lapidar fest auf Seite 321:
Dilemma
Thurow würde also die immensen Schäden in Kauf nehmen, wenn nur das Gesamtsystem nicht gefährdet wäre. Allerdings gehört Thurow zu den wenigen Ehrlichen, die einräumen, dass auch das Gesamtsystem gefährdet ist. Richtigerweise folgert er, dass das Gesamtsytem nur durch das Mutterland des Kapitalismus - die USA - gefährdet werden kann. Nur eine Krise innerhalb der USA, die natürlich auch die Weltwirtschaft zerstören würde, könnte den Kapitalismus zerstören. Und Gründe für eine solche Zerstörung sieht Thurow deutlich.

Leistungsbilanzdefizit der USA

Da ist als Erstes zu nennen das steigende Leistungsbilanzdefizit der USA. Und hier beißt sich die Katze wieder in den Schwanz, Thurow würde sagen: Hier haben wir ein Dilemma. Denn das sogenannte Outsourcing von Tätigkeiten und Arbeitsplätzen in vermeintliche Billiglohnländer ist zu ca. 50% für das Handelsdefizit der USA verantwortlich. Denn US-Firmen müssen natürlich einen großen Teil ihrer in den Billiglohnländern produzierten Waren wieder importieren. Teilweise weil es sich um Komponenten handelt, die Eingang in die Endprodukte finden und teilweise weil ein großer Gewinn nur entsteht, wenn billig produzierte Waren in den USA (und anderen Industrieländern) teuer verkauft werden können. Ein Dilemma, das zunehmend das Handelbilanzdefizit produziert, an dem die USA und die Welt zu Grunde gehen werden. Ein anderes Dilemma für das US-Handelsdefizit sind die Finanzmärkte. Denn sie hebeln die eigentlich fällige Dollarabwertung, die dem Handelsdefizit folgen müsste, wieder aus. Da die USA ca. zwei Drittel allen Finanzkapitals, das die Grenzen überschreitet, anlockt, konterkariert dieser Finanzzufluss und die entsprechende Dollarnachfrage die eigentlich fällige Dollarabwertung durch das Überschwemmen der Welt mit Dollars auf Grund des Handelsbilanzdefizits der USA. Da der Dollar nicht entsprechend sinken kann, bleibt der Dollar zu billig für Einfuhren in die USA und zu teuer für US-Exporte, was beides das Handelsbilanzdefizit weiter vergrößert.
Thurow-Cover2
"Die Gesetze der Finanzarithmetik verraten uns, dass kein Land unablässig mit einem hohen Handelsdefizit leben kann. Alljährlich muss Geld geborgt werden, um das Handels­defizit des laufenden Jahres sowie die Kreditkosten der Vergangenheit zu bezahlen. Da sich das Handelsdefizit fortsetzt, muss man immer mehr Geld aufnehmen, um die Zins- und Dividendenzahlungen für ver­gangene Kredite abzudecken. Mathematisch muss ein Zeitpunkt er­reicht werden, an dem die übrige Welt die erforderlichen Beträge entwe­der nicht mehr vorstrecken kann oder will. Darüber herrscht allgemeine Übereinstimmung." (Seite 171). Hier kommt auch die unheilvolle Rolle des Zins- und Zinseszinssystems ins Spiel. Allein durch die zu zahlenden Zinsen und Zinseszinsen der zu bedienenden Kredite aus dem bereits aufgelaufenen Handelsbilanzdefizit wird sich dieses auf bis zu 7 bis 8% des BIP erhöhen (augenblicklich ca. 5%). Diese Erhöhung kommt durch Zins und Zinseszins ganz automatisch zustande, auch wenn sich das Defizit aus reiner Handelstätigkeit nicht mehr erhöhen würde. Die Gegenposition zu den US-Handelsdefiziten sind die Exportüberschüsse aller anderen wichtigen globalen Player, einschließlich Deutschlands. Deren Wirtschaftsmodell ist darauf ausgelegt Exportüberschüsse zu erzielen. Der Export als Konjunkturlokomotive. Die Unfähigkeit dieser global Player ihre Heimatmärkte zu mobilisieren, wird auch sie unweigerlich abstürzen lassen, wenn das Handelsbilanzdefizit der USA nicht länger aufrecht zu erhalten ist. Für die USA kommt erschwerend hinzu, dass sie in den letzten Jahrzehnten von einem Ölexporteur zu einem Ölimporteur geworden sind. Inzwischen müssen die USA ca. 60% ihres Ölverbrauchs einführen. Auch dies treibt das Handelsbilanzdefizit. Die Angst vor steigenden Ölpreisen oder der Fakturierung des Öls in Euro oder vor terroristischen Unruhen in den höchst gefährdeten Ölstaaten des Nahen Ostens sind ein zusätzliches Damoklesschwert für die USA und erklären auch teilweise deren zunehmend kriegerische und aggressive Politik. "Eine Finanzpolitik zu betreiben, die große Kapitalzuflüsse erfordert, ist vergleichbar mit der Erhöhung des Drucks in einem Dampf­kochtopf, der bereits seine Höchstgrenze erreicht oder überschritten hat." (Seite 174). Nach Thurow sind sich alle Experten einig, was zu tun ist. Der zwangsläufig erfolgende Abbau des US-Handelsdefizits würde eine Dollarabwertung von mindestens 40% zur Folge haben. Das würde den Zusammenbruch der USA und der Weltwirtschaft zur Folge haben. Alle globalen Lieferketten würden zerstört, das Wirtschaftsmodell der Exportüberschüsse der anderen globalen Player würde kollabieren, die Finanzzuflüsse in die USA würden gestoppt und die Börsen und Anleihemärkte würden eine Baisse ohne Beispiel erleben. Nach Thurow wäre es nötig, jetzt Maßnahmen zu ergreifen, die einen sanften Übergang auf die neue -zugegebenermaßen ungemütliche - Gleichgewichtssituation zu erlauben.Das passiert aber nicht, weil keine demokratische Regierung der Bevölkerung verkaufen könnte, weshalb sich die bereits für die meisten US-Amerikaner nachteilige Situation noch einmal verschlechtern muss.
Nichts tun
(Seite 182). "Offensichtlich wird man weder in Amerika noch im Ausland Maßnahmen ergreifen, um eine Dollarabwertung zu verhindern. Einfach ausgedrückt, ein Kurssturz des Dollars wird der Welt potenziell das zufügen, was der Zusammenbruch des Bankensystems den Verei­nigten Staaten zu Beginn der Weltwirtschaftskrise angetan hat: Er wird die globale Wirtschaft in den Abgrund sinken lassen. Die Regierung Hoover wusste nicht, was sie nach dem Börsenkrach von 1929 tun sollte, und unternahm deshalb überhaupt nichts. Dadurch fiel das mo­netäre BIP um 46 und das reale BIP um 31 Prozent. Heutzutage ist die Option, nichts zu tun, sogar noch wahrscheinlicher. In den dreißiger Jahren besaß Amerika eine Regierung, die sowohl die Pflicht als auch die Macht zur Intervention hatte. Wenn dagegen im 21. Jahrhundert eine amerikanische Währungskrise ausbricht, wird es keine Weltregie­rung geben, die die Pflicht oder die Macht hätte, die Abwärtsspirale zu stoppen." (Seite 183). Nach Thurows Meinung wird man also das Weltwirtschaftssystem gegen die Wand fahren lassen. Auch dies ist nach Thurow im sogenannten Gencode des Kapitalismus angelegt. Nach Thurows Meinung haben wir ein Weltwirtschaftssystem geschaffen, das der geologischen Situation von Erdbeben entspricht. Wir wissen, dass es Erdbeben (Finanzkrisen) geben wird (z. B. in der Andreasspalte unter Kalifornien und San Francisco), wir können Erdbeben (Finanzkrisen) nicht verhindern, wir wissen nicht, wann sie eintreten. Wir können nur wenig zur vorherigen Schadensbegrenzung tun, sondern nur hinterher die Toten beseitigen und die Schäden reparieren und auf das nächste Beben warten. Und Thurow schämt sich nicht, dass er im Prinzip ein Welt-Wirtschaftsmodell verteidigt, dass sich genauso unkontrollierbar gebärdet wie nicht beherrschbare Erdbeben. Aber Thurows Einsichstfähigkeit in die Nachteile des Kapitalismus ist an dieser Stelle noch nicht erschöpft. Er hat noch weitere Dilemma entdeckt und scheut sich nicht, hierzu deutlich Stellung zu nehmen.

Deflation

Deflation
"Der Kapitalismus kann in einer deflationären Umgebung nicht funktionieren. Da der Geldwert steigt, während der Wert anderer Ver­mögensgegenstände sinkt, ist es am klügsten, sich für die risikolose Op­tion zu entscheiden, indem man Bargeld spart und nichts tut. Jeder ge­sparte Dollar wird morgen eine größere Kaufkraft haben. Man beeilt sich nicht, das Gewünschte zu erwerben, da es im nächsten Jahr billiger sein wird. Wann immer möglich, werden Käufe verschoben. Doch wenn jeder den Konsum hinauszögert, wie soll sich dann Wachstum einstellen?" (Seite 271).
Deutliche Worte für ein weiteres Dilemma des Kapitalismus. Können wir denn wenigstens gegen die Deflationsgefahren etwas unternehmen? Leider nein, denn die meisten angestrebten wirtschaftlichen Ziele fördern auch die Deflation. Denn gerade die Ziele, die Löhne zu begrenzen, sie gar sinken zu lassen, Tätigkeiten outzusourcen, die Gewerkschaftsmacht zu brechen, Rationalisierung, vermeintlich wettbewerbsfähiger zu werden, fördern die Tendenzen zur Deflation.
"Infolge der Technologie und des internationalen Wettbewerbs sind die Löhne im Lauf der letzten 25 Jahre für die unteren 60 Prozent der amerikanischen Beschäftigten jährlich etwa um einen Prozentpunkt ge­schrumpft. Irgendwann führen Einkommenssenkungen zu einem Preis­verfall. Kernschmelzen wie die asiatische von 1997 vergrößern den Ab­wärtsdruck auf die Preise erheblich. Länder wie Südkorea können mehr exportieren, und die viel niedrigeren Devisenkurse verhelfen ih­nen dabei zu Gewinnen. Wenn die globalen Wettbewerber ihren Marktanteil nicht verlieren wollen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich den koreanischen Preissenkungen anzuschließen." (Seite 270).
Durch die Finanzkrisen sind auch hunderte von Millionen potenter Nachfrager ausgefallen, sei es durch Arbeitslosigkeit oder Überschuldung oder sonstige Verarmung. So kehren auch die von Thurow als unerheblich klassifizierten ständigen Finanzkrisen als Bumerang zurück und tragen ihren Teil zur Deflationsgefahr bei. Der Kapitalismus ist in fast keinem seiner Teilbereiche widerspruchsfrei. Auch Thurows Meinung, dass der Kapitalismus beliebig große Ungleichgewichte bei den Einkommen aus Arbeit und Kapital aushalten könne, wird ad absurdum geführt. Denn auch die massive Anhäufung von Einkommen und Vermögen bei wenigen Gewinnern der Kapitalismuslotterie führt zu Preisverfall. Denn die wenigen Vermögenden können mit ihrer Nachfrage nach Konsum- oder Investitionsgütern den Nachfrageausfall und damit die deflationäre Tendenz durch die große Mehrzahl der immer weniger kaufkräftigen Verbraucher nicht im entfernstesten ausgleichen.

Die weltweite Überschuldung

Sehr deutliche Worte findet Thurow zum Problem der Überschuldung. Hier wird er auch in der Lösung sehr konkret. Er spricht von nichts Geringerem als der Notwendigkeit eines (Teil-) Konkursverfahrens für die überschuldeten Vermögenswerte. Richtigerweise erkennt er an, dass ein Zins oder ein Gewinn nicht aus überschuldeten Vermögenswerten erwirtschaftet werden kann.
Ueberschuldung
"Der Kapitalismus funktioniert nicht mit überschuldeten Vermögenswerten. Die Zins- und Kapitalrückzahlung übersteigt die den Vermö­genswerten innewohnende Produktivität, und kein Manager, wie ge­schickt er auch sein mag, kann dieses mathematische Problem lösen. Da der Preis der Vermögenswerte arg gesunken ist, müssen die Schulden entsprechend fallen, wenn das Wachstum erneut beginnen soll. Das Verfahren, bei dem Schulden abgeschrieben und wieder mit dem Wert der Vermögensgegenstände in Einklang gebracht werden, wird als Konkurs bezeichnet." (Seite 260).
Was unabhängige Fachleute schon lange wissen - wie der Rezensent - dass nur der Konkurs vieler überschuldeter Wirtschaftsbereiche (und hier insbesondere die Staatsverschuldung) eine Gesundung der Wirtschaft ermöglicht, ist jetzt also auch beim ersten Vertreter des sogenannten main stream angekommen. Thurow beschreibt die segensreiche Wirkung des Konkurses am Beispiel Japan, das seit über zehn Jahren in einer Wirtschaftsmisere steckt und keinen Ausweg findet. Thurow geht hier insbesondere auf die Situation von ca. 40% der japanischen Familien ein, die auf überschuldeten Immobilien sitzen. Keine Zinssenkung, keine Steuererleichterung und auch sonst keine wirtschaftspolitische Maßnahme kann diese Familien zu mehr Konsum oder Investition bewegen, solange sie noch von den Zins- und Hypothekenzahlungen ihrer überschuldeten Häuser stranguliert werden. Das trifft selbst dann zu, wenn die Einkommenssituation den größten Teil dieser Familien noch befähigt, Zins- und Tilgungszahlungen zu leisten. Rein technisch gesehen sind Kredite, die noch bedient werden, gute Kredite. Aber Thurow lässt das nicht gelten. Auch bei diesen "guten" Krediten müsse Vermögenswert und Schuldenlast in Übereinstimmung gebracht werden. Andernfalls ist eine Erholung der Wirtschaft nicht möglich, sondern weiterer Nachfrageausfall, also Deflation, die Folge. Die Lasten, die bei diesen Sanierungen entstehen, müssen nach Thurows Meinung nicht von den Vermögenden oder denen getragen werden, die an dieser Misere verdient haben, sondern von der Masse der "kleinen" Steuerzahler. Ganz nach der Devise: die Gewinne den Kapitalisten, die Verluste den Verlierern der Kapitalismuslotterie. Hier bleibt Thurow ein typischer Vertreter des herrschenden Systems.
Thurow-Cover3
Interessant bei Thurows Überlegungen ist sein Hinweis auf die Bereinigung nicht nur schlechter, sondern auch sogenannter guter, aber überhöhter Kredite. In Deutschland sind ca. zehn Prozent aller Familien überschuldet, sind also schlechte Kredite und fallen als Nachfrager weitgehend aus. Noch gravierender dürfte jedoch der Nachfrageausfall von Millionen sogenannter gut situierter Familien sein, denen Schrottimmobilien und anderer Mist hauptsächlich von "seriösen" Banken (siehe auch das Schwarzbuch Banken) und anderen schwarzen Schafen angedreht wurden. Viele dieser Hereingefallenen können noch für den Schaden aufkommen, fallen aber trotz ihrer hohen Einkommen für den Konsum weitgehend aus. Das ist sicherlich eine (weitgehend unterschlagene) Erklärung für die Nachfrageschwäche der deutschen Wirtschaft und der anderer Industrienationen. Speziell in Deutschland müssen Gesetze her, die diese Betrügereien im weitesten Bereich des Anlagebetrugs zumindest erschweren und Gerichte müssen ihre Scheu vor der Verurteilung von Banken ablegen.

Die Staatsverschuldung

Ein weiteres K.O.-Kriterium für den Kapitalismus findet sich in Thurows These:
Schuldenanstieg
(Seite 241). Thurow macht diese Aussage im Zusammenhang mit Argentinien. Über die US-Staatsverschuldung und die Staatsverschuldung der anderen Industrienationen sowie der Entwicklungsländer spricht er überhaupt nicht. Das kann der Rezensent gut nachvollziehen. Denn beim kriminellen Schneeballsystem Staatsverschuldung kann es einem schon die Sprache verschlagen. Nach Thurows eigenen Konkursthesen wäre die gesamte Staatsverschuldung einem Konkursverfahren zu unterziehen. Aber Thurow spricht generell von Schulden, nicht nur von Staatsschulden, die nicht schneller wachsen dürfen als das BIP. In Deutschland, USA und in vielen anderen Staaten wachsen die Gesamtschulden der Privatpersonen, Firmen und des Staates jedoch um ein Mehrfaches schneller als das BIP. Die Schuldenzuwächse sind vielfach drei- bis viermal so hoch wie der Zuwachs beim BIP. Das ist eine höchst ungesunde Situation, die gemäß der Grundrechenarten zum Kollaps führen muss. Dadurch kommt es zu einer immer größeren Belastung durch Zinsen, die das Wirtschaften zunehmend unwirtschaftlich macht. Viele Schulden sind zudem überhöht, sind nicht durch entsprechende Vermögenswerte gedeckt, aus denen die Bedienung der Kredite vorgenommen werden kann. All das läuft auf einen Kollaps hinaus. Davon liest man bei Thurow jedoch nichts. Die überproportional wachsende Zinsbelastung erkennt Thurow überhaupt nicht als Problem. Im Gegenteil: Er sieht vielmehr die Kapitaleigner in der Gewinner-Position.

Kapitaleigner als Gewinner?

"In den amerikanischen Statistiken sind der Kapitalertrag und der Anteil des staatlichen Einkommens, der dem Kapital zufließt, in den vergangenen beiden Jahrzehnten gestiegen, während die Arbeits­kräftekosten und der Anteil des staatlichen Einkommens, welcher der arbeitenden Bevölkerung zufließt, gesunken sind. Eine globale Wirtschaft verfügt über weniger Kapital pro Arbeiter als die amerikanische Ökonomie. Kapital wird knapper und erhält einen höheren Wirtschaftsbonus. Global betrachtet werden die Arbeitskräfte relativ zahlreicher, wenn sich die armen Ökonomien den reichen anschließen." (Seite 72). Das ist Wunschdenken. Die Kapitaleigner befinden sich vielmehr in einem Anlagenotstand. Sie haben wenig Interesse daran, in die reale Wirtschaft zu investieren. Die Renditen sind zu gering, die Risiken zu hoch sowie die Bindungsfrist zu lang. Deshalb "investiert" man lieber in die Finanzmärkte. Und weil selbst dort die Habgier in den Aktien- und Anleihemärkten nicht mehr in entsprechender Weise bedient wird, geht man lieber ins Finanzcasino der Derivate. Der Nennwert der Derivate hat sich in atemberaubender Geschwindigkeit erhöht auf ca. 160 Billionen US-Dollar. Das ist etwa das Vierfache der Weltwirtschaftsleistung. Und das Risiko aus diesen Werten dürfte bei ca. 16 Billionen US-Dollar liegen, immerhin in etwa so viel wie alle Aktienwerte an der Wallstreet. Über diese ungesunde Entwicklung schweigt Thurow wie über einige andere Fehlentwicklungen, über die wir noch am Schluss sprechen werden.

Allheilmittel Wachstum?

Kann man denn wenigstens mit Wachstum zumindest einen Teil der Kapitalismusdilemma zukleistern? Offensichtlich nicht. Denn alle beschriebenen Dilemma ereignen sich ja gerade im Musterland des Kapitalismus, in dem alle Wachstumskräfte entfesselt sind und das zumindest nach den offiziellen (geschönten) Statistiken die höchsten Wachstumsraten der Industrieländer aufweist und das höchste Einkommen pro Kopf der Bevölkerung. Mehr Wachstum und Entfesselung und mehr Nachteile für die breite Masse der Bevölkerung geht nicht. Schafft denn das offizielle Wachstum wenigstens Arbeitsplätze? Auch hier gibt Thurow einen Dämpfer. "Um Arbeitsplätze zu schaffen, muss das Produktionswachstum ei­ner Wirtschaft höher sein als ihr Produktivitätswachstum. Wenn man die Zahl der verlorenen Arbeitsplätze, gemessen in Arbeitsstunden, er­mitteln will, wird die Produktivitätswachstumsrate von der Produk­tionswachstumsrate abgezogen. Im Jahr 2001 verringerte sich die Wachstumsrate der Wirtschaft durch drei negative Quartale auf 0,3 Prozent, während die Produktivität um 1,1 Prozent wuchs. Infolgedes­sen verlor die amerikanische Wirtschaft 0,8 Prozent ihrer Arbeits­plätze, gemessen in Arbeitsstunden. Im Jahr 2002 beschleunigte sich das Produktivitätswachstum auf 4,7 Prozent - die beste Leistung seit 50 Jahren. Das bedeutet jedoch, dass die Produktion um mehr als 4,7 Prozent wachsen muss, wenn die Beschäftigtenzahl zunehmen soll. Das war im Jahr 2002 nicht der Fall, denn das BIP wuchs nur um 2,4 Pro­zent. Wenn man 4,7 von 2,4 Prozent abzieht, erhält man einen Arbeits­plätzeverlust von 2,3 Prozent. Im Erholungsjahr 2002 gingen fast drei­mal so viele Arbeitsplätze verloren wie im Rezessionsjahr 2001. Und da die Produktivität rascher gestiegen ist als die Produktion, hat sich die Zahl der Arbeitsplätze auch 2003 verringert." (Seite 294).
"Nehmen wir das Thema Entlassungen. Im vergangenen Jahrzehnt sind viel mehr Amerikaner als Europäer gefeuert worden. In den prosperierenden neunziger Jahren entließen rentable amerikanische Groß­unternehmen jährlich zwischen 600000 und 800000 Beschäftigte. Daran waren manchmal die direkten produktionssteigernden Effekte der neuen Technologien schuld und manchmal die von denselben neuen Technologien hervorgebrachte Globalisierung. Große Personal­verringerungen bei rentablen Firmen waren in den neunziger Jahren eine Neuerscheinung in Amerika. Auch die Verlegung von Arbeitsplät­zen in ausländische Produktionsstätten war den Amerikanern bis da­hin unbekannt gewesen." (Seite 107).

Allheilmittel Mehrwertsteuererhöhung?

"Diejenigen, die als Erste Körperschaftsteuern und Sozialabgaben durch Mehrwertsteuern ersetzen, werden einen Vorsprung erringen. Irgendwann werden alle Regierun­gen einsehen, dass die auf Importe erhobene und auf Exporte diskon­tierte Mehrwertsteuer die einzige Form der Besteuerung ist, die zu kei­nem Wettbewerbsnachteil für einheimische Unternehmen führt." (Seite 137) Dieser Geistesblitz von Thurow ist ebenfalls nicht zu Ende gedacht. Obwohl Thurow die Gefahr einer Deflation erkennt, in der der Kapitalismus nicht überleben kann, erhöht sein Vorschlag einer Mehrwertsteuererhöhung diese Gefahr. Denn die Mehrwertsteuer muss ja von der Masse der Durchschnittsverdiener aufgebracht werden, die daraufhin ihren Konsum weiter einschränken müssen. Andersherum wird ein Schuh daraus. Die Reichen dürfen nicht immer reicher werden und die Armen nicht immer ärmer, wenn die Nachfrage nicht immer mehr einbrechen soll. Aus diesem Grund war auch die große Steuerentlastung der Reichen durch die Bush-Administration ein Schritt in die falsche Richtung, der die USA nicht vorangebracht hat, wohl aber die Staatsverschuldung außer Kontrolle.

Was Thurow nicht gesagt hat

Es ist schon erstaunlich, welch ein erschreckendes Szenario selbst ein so unkritischer Verfechter des Kapitalismus zeichnen muss. Dabei hat Thurow noch einige nicht unwesentliche Fakten "vergessen". Es geht dabei um so zentrale Dinge wie die Versorgung der Bevölkerung im Alter und die Gesundheitsversorgung. Bei diesen Sozialsystemen sieht es in den USA alles andere als gut aus. Die USA sind nicht in der Lage, trotz der höchsten Aufwendungen weltweit die gesamte Bevölkerung mit Gesundheitsleistungen zu versorgen. Ca. 45 Millionen US-Amerikaner haben keine Krankenversicherung. Weitere zig Millionen dürften massiv unterversichert sein. Und der Rest wird mit hohen Beiträgen zur Kasse gebeten. In den Fällen, in denen der Staat für die Krankenversicherung zuständig ist, nämlich bei den Rentnern (medicare) und Mittellosen (medicaid) werden massive Defizite in den nächsten Jahrzehnten erwartet. Dasselbe gilt auch für die Rentenversicherung. Selbst die Zahlung der in den USA üblichen Minirenten ist nicht gesichert. Der auf diesem Gebiet als Experte gehandelte US-Ökonom Laurence Kotlikoff sagte in der Wirtschaftswoche vom 20.5.2004, dass entweder die Leistungen halbiert oder die Beiträge verdoppelt werden müssen. Das eine führt zu unerträglicher Armut und frühem Hungertod der Rentner (eine Lösung, die für einige Eliten sicherlich nicht undenkbar ist) und das andere zum Absturz der Wirtschaft. Wahrlich erschreckende Alternativen im Musterland des Kapitalismus. Aber Kotlikoff hat schon die Lösung parat: die Erhöhung der Mehrwertsteuer, diesmal gleich um zehn Prozentpunkte. Was ist hier höher zu gewichten: die Schamlosigkeit oder die Dummheit solcher Vorschläge?

Ausblick

Eine wirtschaftliche Lösung für die Dilemma des Kapitalismus hat Thurow nicht anzubieten, weil es nach Thurows richtiger Meinung eine Lösung für ein Dilemma nicht gibt. Er erwartet, dass man das System gegen die Wand fahren lässt. Um den zu erwartenden Massenprotesten vorzubeugen, sind massive Repression und Einschränkung der Bürgerrechte notwendig. Siehe dazu auch die Aussagen von Schachtschneider in der Humanwirtschaft September/Oktober 2004. Es ist kein Wunder, dass die USA als kapitalistischstes Land auch hier Vorreiter unter den Demokratien sind. Unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung ist man hier besonders weit voran gekommen, was die Demontage der Demokratie, die Einschüchterung der Presse, willfährige TV-Berichterstattung, massenweise illegale Verhaftung legaler Demonstranten und systematischer, von langer Hand vorbereiteter Wahlbetrug bei den Präsidentschaftswahlen 2000 und 2004 angeht. Und auch die überquellenden Gefängnisse in den USA werden das Problem nicht lösen. Inzwischen gehört ja der Gefängnisbau zu einer der wichtigsten Stützen der Bauindustrie und trägt seinen Teil zu den fragwürdigen Wachstumsziffern der USA bei, die beileibe nicht mit steigendem Wohlstand für die Bevölkerungsmehrheit zu verwechseln sind.
Und auch Krieg als normales Mittel der Politik ist zurück gekehrt. Allerdings dürfte sich ein so "lohnendes Opfer" wie der Irak kein zweites Mal bieten: wertvollste Ressourcen im Boden, gepaart mit militärischer Schutzlosigkeit. Dass die USA dieser "Verlockung" nicht widerstehen konnten - besonders bei den zur Zeit handelnden Akteuren der Bush-Administration - ist nicht verwunderlich. Denn irgendwie muss es sich auch lohnen, wenn man in den USA für Militär mehr Geld ausgibt als der Rest der Welt, was man nur als extrem krank bezeichnen kann.
Thurow als einer der prominentesten Vertreter des sogenannten main stream hätte mit seinen erschreckenden Aussagen eine Welle der Bestürzung bei den Verantwortlichen hervor rufen müssen und den sofortigen Beginn der Suche nach einem funktionierenden Wirtschaftssystem. Dass das nicht geschehen ist, stützt die These von unseren unverantwortlichen Eliten. Horst Boettcher hat bereits in seinem Buch "Michel erwache - Wirtschaften ohne Katastrophen" die Frage gestellt:
Eliten als Gegner
Niemand hat sich über diese Frage aufgeregt oder ihr widersprochen.
Was jetzt von einem prominenten Vertreter des main stream an erschreckenden Erkenntnissen verbreitet wird, ist ja nicht neu. Von Wirtschaft, Medien und Staat unabhängige Fachleute berichten über die zum Kollaps führenden Systemfehler des Kapitalismus mindestens schon seit einem Vierteljahrhundert. Wer von den Eliten hätte Bescheid wissen wollen, hätte sich also schon lange informieren können, wenn schon der eigene Grips zu solchen Erkenntnissen nicht fähig sein sollte. Aber die Eliten sind an solchen Erkenntnissen aus Eigennutz nicht interessiert. Für sie ist das System gut, so lange es möglich ist, die breite Bevölkerungsmehrheit zur Zahlung ihrer hohen Einkommen, Pensionen und anderer Pfründe zu zwingen. So lange der Geldfluss nicht versiegt, haben die Eliten keinerlei Interesse an einem Umbau des Wirtschaftssystems, bei dem sie unvermeidbar die Verlierer sein werden. Wenn Millionengehälter in den Vorstandsetagen und im Finanzcasino gezahlt werden können und man diesen Geldfluss durch Abbau von Personal oder längere Arbeitszeiten bei geringerer Bezahlung aufrecht erhalten kann, kann bei den Nutznießern überhaupt kein Interesse daran bestehen, diese für sie paradiesischen Zustände zu ändern.
Es gibt eine ganz schwache Hoffnung, dass die Bevölkerungsmehrheit durch Massenproteste, für die die neuen Montagsdemonstrationen ein kleiner Vorläufer sein können, und die sich durch Polizei und Militär letztlich nicht verhindern lassen, die unfähigen und unwilligen Eliten aus ihren gut bezahlten Positionen vertreiben kann. Die vernetzte Welt bietet heute sehr viel mehr Möglichkeiten zu konzertiertem Handeln - weltweit. Aber vielleicht ist das auch nur Wunschdenken.


Lester Thurow: Die Zukunft der Weltwirtschaft, Campus-Verlag, Frankfurt/New York, 2004, 352 Seiten, 24,90 Euro

Logo Kapitalismusfehler


Startseite: www.kapitalismusfehler.de