Zinsen kaufen keine Autos

Unternehmen weltweit schwimmen im Geld, so Die Zeit online, Ausgabe 42/2004. Die Superreichen schwimmen ebenfalls im Geld. Aber Unternehmen und Superreiche geben das Geld nicht aus. Sie kaufen oder investieren nicht in reale Güter und Dienstleistungen. Entweder tummeln sie sich im Finanzcasino oder sie horten das Geld. Beides führt zum schon deutlich spürbaren Niedergang der Wirtschaft. Insbesondere das Horten des Geldes widerspricht vollständig dem Wesen des Geldsystems. Schon der Volksmund weiß, dass Geld umlaufen muss. Taler, Taler, du musst wandern, von der einen Hand zur anderen. Oder auch: Der Rubel muss rollen. Gerade das passiert nicht. Immer mehr Zinseinnahmen und Höchstrenditen kaufen keine Autos. Auch deshalb werden Opel-Mitarbeiter arbeitslos. Und Zinsen kaufen auch nicht in den Kaufhäusern. Auch deshalb werden Karstadt-Mitarbeiter arbeitslos. Die wohlfeile Methode, die Löhne weiter zu drücken, verschlechtert noch einmal die Situation hin zur Deflation. Aber selbst der Kapitalismusbewunderer Top-US-Ökonom Lester Thurow weiß: Der Kapitalismus funktioniert nicht bei Deflation.
Im jetzigen System ist eine Lösung nicht mehr möglich. Wir haben es nicht mit einer Wirtschaftskrise innerhalb des Systems zu tun, z. B. mit einer Wachstumskrise, sondern mit einer Krise des Systems selbst. Das ist eine hoffnungsvolle Erkenntnis. Denn bei Änderung des Systems können wir ein widerspruchsfreies und erfolgreiches Wirtschaften erreichen, in dem wirklich die Leistung belohnt wird. Im jetzigen System wird ja gerade und hauptsächlich das leistungslose Einkommen, vornehmlich das Zinseinkommen belohnt. Und deshalb wird klar, weshalb sich die Mächtigen und Reichen mit aller Gewalt gegen die Systemänderung wehren.
Wohin die Reise gehen soll, haben die Staatsfeinde in der Bush-Partei unverblümt offen gelegt. Aber niemand nimmt es richtig zur Kenntnis. Und das könnte sich noch bitter rächen.
Unternehmen in Deutschland, Japan und USA schwimmen im Geld, aber sie investieren nicht mehr. Stattdessen machen sie hohe Sonderausschüttungen an die Aktionäre oder sie kaufen gar ihre eigenen Aktien zurück. Mit letzterem werden die Börsenkurse künstlich erhöht. Hohe Sonderausschüttungen und Aktienrückkäufe sind eine Defensivstrategie. Es ist das genaue Gegenteil von Investieren und Wirtschaften. Stattdessen hören wir immer das Gejammere, die Steuern und Löhne seien zu hoch, den Firmen bleibe kein Geld zum Investieren. Das Gegenteil ist richtig. Die Firmen haben genug Geld, aber sie finden keine Objekte mit den von ihnen geforderten unrealistisch hohen Renditen von 15 bis 30%.
Die deutschen DAX-Firmen haben 2003 so wenig investiert wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Gerade einmal die Hälfte der erwirtschafteten Barmittel (hauptsächlich Gewinne und verdiente Abschreibungen auf Produktionsmittel) haben sie wieder investiert. Im Boomjahr 2000 wurden ca. zwei Drittel der Barmittel wieder investiert. Wenn Arbeitsplätze fehlen, dann auch und besonders wegen der Investitionsschwäche und Phantasielosigkeit des Managements.
Im Übrigen wird auch nicht verstärkt im Ausland investiert, wie uns die Medien immer weismachen wollen. Wir sind eben nicht der Exportweltmeister von Arbeitsplätzen, wie uns der "Lügenweltmeister" Spiegel in seiner reißerischen Titelgeschichte vom 25. Oktober 2004 weismachen will.
Exportweltmeister
Lügenweltmeister Der Spiegel?

Exportweltmeister von Arbeitsplätzen sind übrigens die hochgelobten USA, die auch gleichzeitig Importweltmeister sind, weil sie das, was die ausgelagerten Arbeitsplätze produzieren, weitgehend wieder importieren müssen. Was machen nun die Firmen mit den hohen Barmitteln, wenn sie schon nicht investieren. Sie verwenden die Mittel hauptsächlich dazu, eigene Aktien zurück zu kaufen. Damit schwächen sie die Eigenkapitalbasis und blähen die Kurse auf. Dass die Aktienbörsen nicht weiter abgestürzt sind, ist auch der ungesunden Praxis des Kaufs der eigenen Aktien zu verdanken. Eine Schwächung der Eigenkapitalbasis ist so ziemlich das Dümmste, was Unternehmensführer tun können. Es ist eine geistige Bankrotterklärung, der auch bald der tatsächliche Bankrott folgen kann. Denn das Eigenkapital dient ja als Puffer für schwere Zeiten und mehr Unabhängigkeit von Banken und sonstigen Geldgebern und weniger Zinslasten.
Schuldenabbau wäre daher eine sinnvolle Verwendung der Barmittel. Aber dies geschieht nur in geringstem Umfang. Noch nicht einmal 5% der Barmittel werden eingesetzt, um Schulden abzubauen. Der Löwenanteil der Barmittel geht aber ins Finanzcasino. Denn dort sind die unrealistisch hohen Renditen manchmal und mit hohem Risiko zu erzielen, die in der Realwirtschaft aus technischen und wirtschaftlichen Gründen nicht erreicht werden können.
Allerdings sind die dort gehandelten Papiere oft nicht mehr wert als das Papier, auf dem sie gedruckt sind. Im Finanzcasino kann wie im richtigen Casino kein Mehrwert erzielt werden. Das, was der eine gewinnt, muss ein Anderer verlieren. Mehrwert kann nur in der Realwirtschaft erwirtschaftet werden. Es ist daher ein Irrweg, wenn z. B. die Banken und Investmenthäuser in den USA als Hilfs- und Schmiermittel der Realwirtschaft inzwischen fast die Hälfte der in der Industrie erwirtschafteten Gewinne erzielen. Auch diese Gewinne der Banken gehen der Realwirtschaft verloren. Denn Kredite geben, vielleicht auch noch an die "kleinen Krauter" im Mittelstand, ist nich das Ding der Großbanken. Sie verstehen sich als global player, die gern auch einmal selbst am großen Rad des Finanzroulettes mitdrehen wollen.
"Besorgniserregend« nennt Patrick Artus, Chefvolkswirt der französischen Großbank CDC, das neue Phänomen. Wenn Gewinne nicht mehr in profitable Investitionen oder konsumierbares Einkommen fließen, fällt im besten Fall der Aufschwung geringer aus. Im schlechtesten Fall droht erneut eine Rezession.
Wenn weder die Vorstandschefs noch die Aktionäre mit den hohen Gewinnen etwas anzufangen wüssten, dann müssten eben die Gewinne reduziert werden, damit die Volkswirtschaft als Ganzes nicht Schaden nimmt, meint CDC-Ökonom Artus.
Patrick Artus schlägt daher vor, dass die Arbeitnehmer eine variable Gewinnbeteiligung erhalten. Die würde parallel zu den Unternehmensgewinnen steigen oder fallen. In extrem guten Jahren wie dem gegenwärtigen würde dann ein Teil der Überschüsse aus den Bilanzen der Unternehmen in der Volkswirtschaft ankommen - über den höheren Konsum."

Obige Zitate sind entnommen aus einem Artikel von Die Zeit online 42/2004.
Artus Vorschläge dürften weitgehend Wunschdenken sein. Sie sind aber aufschlussreich, weil sie von einem Bankenvertreter kommen.
Das Wirtschaftskonzept, das nach höchsten Eigenkapitalrenditen und niedrigsten Löhnen und Gehältern strebt, ist zum Scheitern verurteilt bzw. ist bereits gescheitert. Anders herum wird ein Schuh daraus. Wir müssen ein neues Wirtschaftssystem entwickeln, in denen die Renditen so niedrig wie möglich und die Löhne so hoch wie möglich sind. Denn Arbeit ist tatsächlich genug vorhanden. Aber sie entsteht nicht im Niedriglohnsektor, sondern im Niedrigzins- und Niedrigrenditensektor. Um das zu erreichen, muss nur eine kleine Änderung im Geldwesen eingeführt werden. Um Unternehmen und Superreiche zum Ausgeben ihres Geldes zu bewegen, muss gehortetes Geld mit einer Art Hortungsgebühr belegt werden. Dann wird es auch "rentabel", das Geld für geringe Zinsen oder zum Nullzins wieder in den Umlauf zu bringen. Mehr zu diesen Themen finden Sie in den Büchern von Horst Boettcher auf diesen Webseiten. Immerhin hat sich auch Keynes zu diesen Dingen positiv geäußert. Das sollte viele ermutigen, sich mit diesen Fragen ernsthaft zu beschäftigen. Denn eines ist sicher, im alten System wird es immer weiter bergab gehen. Im alten Wirtschaftssystem gibt es keine Lösung, auch wenn sich die sogenannten Reformer in der Radikalität ihrer "Reformen" schon bis zur Hysterie gesteigert haben. Die radikalen Geisteblitze sind letztlich nur Ausdruck der Hilflosigkeit und der Versuch der Einschüchterung der Bevölkerung, jede weitere Zumutung klaglos zu akzeptieren.


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