US-Wirtschaft im Wahlkampfherbst 2004

Im Time Magazin vom 13. September 2004 wurde anlässlich des Präsidentenwahlkampfs eine düstere Bilanz der US-Wirtschaft gezogen.
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Für viele Verantwortliche in unserem Land sind die USA immer noch das Vorbild, dem es nachzueifern gilt, während die USA versuchen, ihren Irrweg zu verlassen. Eine schizophrene Situation.
3% US-Wachstum, niedrige Zinsen und Inflation und so viel Hausbesitzer wie nie zuvor in den USA. Trotzdem werten etwa zwei Drittel aller Amerikaner die wirtschaftliche Situation als mäßig (fair) bis nicht zufriedenstellend (poor).

Situation auf dem Arbeitsmarkt

Die Amerikaner interessieren weniger die (teilweise geschönten) statistischen Daten als die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Unter der Präsidentschaft von George W. Bush sind deutlich über eine Million Jobs verloren gegangen. Das ist die schlechteste Bilanz seit der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren. Und das ist nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit sieht die Bilanz noch viel schlechter aus. Denn es hat zusätzlich einen Millionen-Austausch von gut bezahlten Industriejobs gegen schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs gegeben. Wenn z. B. ein Ingenieur seinen Job in der Fertigung verliert und gleichzeitig ein Tüteneinpacker in einem Supermarkt eingestellt wird, dann verändert sich die US-Arbeitsmarktstatistik nicht. In Wirklichkeit ist ein gut bezahlter, qualifizierter Arbeitsplatz verloren gegangen (vielleicht outgesourced in ein Billiglohnland) und durch einen Arbeitsplatz der Klasse working poor ersetzt worden. Ein deutlicher Abstieg!
Nach einer Studie des überparteilichen "working poor families project", gestützt auf Daten des Amtes für Bevölkerungsstatistik 2002, reicht der Lohn bei rund einem Fünftel der Arbeitsplätze, das sind ca. 30 Millionen Vollzeitarbeitsplätze, nicht aus, um eine Familie mit zwei Kindern zu ernähren.
Wie auch in Deutschland scheut man sich in den USA, Leute fest einzustellen. Man bevorzugt zeitlich befristete Aushilfskräfte oder beauftragt Fremdfirmen. Generell sind auch in den USA den Firmen die Beschäftigten zu teuer, obwohl die Lohnnebenkosten schon extrem niedrig sind. Rationalisierung und Outsourcing wird der Vorzug gegeben. Leute einstellen ist wirklich nur der allerletzte und ungeliebte Ausweg. Und das obwohl das Hire und Fire nirgends einfacher und unbürokratischer ist als in den USA. Bei uns sehen ja viele den unregulierten und entfesselten Arbeitsmarkt als anzustrebende Jobmaschine an, während die USA zeigen, dass dies kein Allheilmittel ist. Im Gegenteil: ca. 80% der US-Amerikaner fürchten, dass immer mehr Jobs in das Ausland verloren gehen. Dagegen tun ja unsere Eliten so, als ob das ein typisch deutsches Problem sei wegen der angeblich bei uns verkrusteten Arbeitsmärkte. Außerdem sind nur ein Viertel der Amerikaner der Meinung, dass man bei einem Jobverlust einen neuen Job mit gleicher oder höherer Bezahlung findet. Unsere Eliten behaupten auch hier wider besseres Wissen das Gegenteil.

Bush-und-Kerry

Problem Gesundheitssystem

Das größte Problem der USA ist das Gesundheitssystem. Die Kosten für Gesundheit steigen etwa vier Mal so schnell wie andere wirtschaftliche Größen. Allein im Jahr 2003 stiegen die Prämien um fast 14%. Die damit ebenfalls steigenden Kosten für die Arbeitgeber gelten als großes Hindernis für die Einstellung von Mitarbeitern. Auch für die Arbeitnehmer wird die Bezahlung der Prämien immer schwieriger. Eine Durchschnittsfamilie zahlt im Schnitt etwa 9.000 Dollar Prämien im Jahr. Arbeitgeber kürzen immer mehr ihre Zuschüsse und gerade in der ungünstigsten Situation, nämlich bei Arbeitslosigkeit, müssen die hohen Beiträge komplett vom Arbeitslosen selbst getragen werden. Kein Wunder, dass immer mehr US-Amerikaner sich die Prämien nicht mehr leisten können . Ca. 15% der Bevölkerung haben gar keinen Versicherungsschutz mehr. Weitere zig Millionen dürften massiv unterversichert sein. Auf die vom Staat bezahlten Gesundheitsleistungen für Rentner (medicare) und Mittellose (medicaid) kommen große Defizite zu. Diese Bevölkerungsgruppen müssen sich auf drastische Leistungseinschränkungen gefasst machen. Lösungsmöglichkeiten sind nicht in Sicht. Ausgedrückt in Prozent des BIP, haben die USA das teuerste Gesundheitssystem mit der schlechtesten Versorgung der Bevölkerungsmehrheit und dem höchsten Anteil nicht versicherter Bürger. Experten halten das jetzige System weder für bezahlbar noch für reparierbar. Wie jedoch ein besseres Gesundheitssystem gestaltet werden muss, dazu gibt es keine Vorschläge. Bezüglich eines funktionierenden und einigermaßen kosteneffektiven Gesundheitssystems ist man in den USA völlig ratlos.
Zur Illustration der Situation konnte man Mitte Okober 2004 im Fernsehen Bilder von langen Menschenschlangen mit stundenlangen Wartezeiten sehen. Gab es für die US-Bürger etwas umsonst? Mitnichten. Alle wollten 20 Dollar bezahlen für eine Grippeimpfung. Aber nur für etwa die Hälfte (ca. 56 Millionen) der interessierten 100 Millionen Bürger war das Impfserum vorhanden. Die US-Gesundheitsindustrie ist noch nicht einmal in der Lage, hohen Gewinn mit überteuerten Grippeimpfungen zu machen. Der Grund für den Lieferengpass ist ein Lizenzentzug für eine amerikanische Tochterfirma in Großbritannien. Für uns ist es ein Kuriosum, in den USA ein großes Ärgernis: In einer Kleinstadt in der Nähe von New York hat man die 300 verfügbaren Impfseren unter den ca. 8000 Senioren des Ortes verlost. Gesundheit in den USA eine Lotterie?
Die Preise für Arzneimittel (die von den US-Bürgern in der Regel voll selbst zu bezahlen sind) sind auf dem US-Markt auf Rekordniveau und ca. 50% teurer als in Deutschland, wo bekanntlich die Pharmafirmen auch nicht am Hungertuch nagen.

Unbezahlbare Renten

Auch bei den Renten kommen unangenehme Dinge auf die Bevölkerung zu. Wenn die Baby-Boomer in Rente gehen, wird sich die Anzahl der über 65-Jährigen in den nächsten dreißig Jahren verdoppeln. Die nachfolgenden Generationen sind zahlenmäßig deutlich weniger und können die Renten für die Baby-Boomer nicht bezahlen. Wohlfeiler Vorschlag, z. B. von Alan Greenspan: das Rentenalter heraufsetzen und die Renten kürzen.

Steuersenkungen auf Pump

Diese entmutigende Situation ist noch geschönt. Denn Sonderfaktoren wie Steuersenkungen auf Pump (ca. 300 Milliarden Dollar allein in 2004) helfen der US-Konjunktur mit einem Strohfeuer, sind aber kein nachhaltiges Wirtschaften. Die ausufernde Staatsverschuldung kann sehr wohl zu höheren Zinsen führen und damit dem eh schon überschuldeten US-Verbraucher den Rest geben. Steigende Hypothekenzinsen und fallende Hauspreise sowie steigende Kreditkartenzinsen , steigende Gesundheitsprämien und steigende Benzin- und Heizölpreise werden dem Konsumrausch auf Kredit ein jähes Ende bereiten. Ausgerechnet die jede Gesellschaft tragende Mittelschicht geht in die Knie. Die Zahl der Offenbarungseide hat die Rekordzahl von 1,6 Millionen erreicht. Und das Erschreckendste ist, dass 92% der Bankrotteure gut situierte Familien der Mittelschicht waren, denen die wirtschaftliche Entwicklung den Boden unter den Füßen weggezogen hat. (Quelle: Die Zeit online, Ausgabe 37/2004). Der amerikanische Traum ist zum Alptraum geworden.

Leistungsbilanzdefizit "vergessen"!!!

Auch in den USA ist die Selbsttäuschung groß. Denn in den Konzepten der beiden Präsidentschaftskandidaten taucht das bedrohliche Leistungsbilanzdefizit gar nicht erst auf. Und auch Time Magazin findet das nicht erwähnenswert. Es geht ja nur um die Tatsache, dass die USA für ca. 500 Milliarden Dollar jährlich mehr konsumieren als sie produzieren. Ihre Lieferanten speisen sie mit buntem Papier ab, mit den selbst gedruckten Dollarscheinen. Um diesen Betrag steigt jährlich die Auslandsverschuldung der USA, die zu einer Achillesferse für die USA, aber auch für die Weltwirtschaft werden kann. Die Abhängigkeit der USA vom Auslandskapital wird immer größer und die Bereitschaft, immer größere Summen in den USA zu investieren, wird abnehmen. Das hat negative Konsequenzen für die Aktien- und Anleihemärkte der USA und die Finanzierung der wieder stark steigenden US-Staatsschulden. Ausufernde Auslandsverschuldung und ausufernde inländische Staatsverschuldung der USA sind kein Gleichgewichtsmodell, das funktionieren kann. Aber mit dem kleinen Einmaleins stehen auch die US-Vordenker auf Kriegsfuß. Und unglücklicherweise lässt sich das kleine Einmaleins nicht durch militärischen Overkill, Lug und Betrug der Regierungskaste oder Wahlbetrug bei den Präsidentschaftswahlen besiegen.
Mehr zur unhaltbaren Situation des Weltwirtschaftssystems und insbesondere zum US-Kapitalismus finden Sie in dem bemerkenswerten Buch von Lester Thurow: Die Zukunft der Weltwirtschaft.

Bush verblödet die Amerikaner

Überall in der Welt wird verzweifelt danach gesucht, wie man die Bevölkerung von der wirtschaftlichen Misere ablenken kann. Religion, Krieg und Nationalismus sind solche gefährlichen Auswege. Aber Bush hat den Vogel abgeschossen. Er hat es geschafft, dass die Amerikaner mehrheitlich den Kampf gegen den Terror als wichtiger ansehen als ihr wirtschaftliches Wohlergehen. Das hat eine Umfrage ergeben, die im Time Magazin veröffentlicht wurde.
Terror und Wirtschaft
"Krieg" gegen den Terror wichtiger als Wirtschaft?

Das könnte fatale Fogen haben für die Amerikaner, aber auch für den Rest der Welt. Die Amerikaner werden weiter verarmen, weil immer mehr Ressourcen zweckentfremdet werden für weitgehend sinnlose Aktionen im Kampf gegen den Terror. Für den Rest der Welt bedeutet das, dass eine zwangsweise immer kriegerischere und irrationalere Politik der USA zu immer neuen Krisenherden führen kann mit unvorhersehbaren Folgen. Der paranoide militärische Overkill der USA verführt immer mehr dazu, Probleme militärisch zu lösen, statt die wirklichen Ursachen von Problemen zu erkennen und zu beseitigen. Bisher sind die Amerikaner dafür bekannt, dass sie immer in der Lage waren, Irrwege zu erkennen und sehr schnell eine Kehrtwende einzuleiten. Die nächste Präsidentenwahl wird zeigen, ob die Amerikaner diese Fähigkeit noch besitzen oder ob die Verblödungskampagne von Bush und Co. (und Wahlbetrug) bittere Früchte trägt.
Inzwischen ist das Unvorstellbare eingetreten: eine beängstigende Mischung aus religiösen Fundamentalisten, selbstgerechten Moralaposteln, Gutgläubigen und Angstlichen hat den wahrscheinlich dümmsten und gefährlichsten Präsidenten wieder gewählt, den die USA zumindest seit dem zweiten Weltkrieg gehabt haben. Die gesamte Intelligenz der Ost- und Westküste ist geschlagen worden. Es gibt zwei Amerkas, die wirklich nichts mehr miteinander gemein haben. Das Schicksal der Welt in den Händen von Bush und seinen Spießgesellen zu sehen, macht Angst. Ob die Welt vier weitere Bushjahre überlebt, ist nicht ausgemacht. Insofern haben die Terroristen wirklich ganze Arbeit geleistet und einem Mann acht gefährliche Jahre im Weißen Haus ermöglicht, der ansonsten noch nicht einmal als Randnotiz wahrgenommen worden wäre.


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