Zurück in die Steinzeit


Eine der schlimmsten vorsätzlichen Entgleisungen der letzten Jahre dürfte sicherlich das Buch „Schluss mit lustig“ sein, geschrieben von einem politischen Kommentator des ZDF, Peter Hahne.

Es ist insofern eine Zustandsbeschreibung eines Teils der Gesellschaft, als es kein Stammtischgewäsch und keine Plattitüde auslässt, die man sich vorstellen kann. Hahne will zurück, aber wohin will er denn zurück: sicherlich zu dem Muff von tausend Jahren, in eine Zeit von Küche, Kinder, Kirche für die Frauen, in die vor 68er Jahre, in die vor Multikulti-Zeit, in eine Zeit ohne Ausländer, in eine Zeit vor der Selbstverwirklichung (der Frauen), in eine Zeit ohne Abtreibungen, in eine Zeit des kämpferischen Gottesstaates gegen die Ungläubigen und vor allem gegen die Andersgläubigen (Muslime, Kampf der Kulturen), kurz gesagt in die sogenannte Spießbürgeridylle, in der man der Obrigkeit mit Unterstützung der Kirchen kritiklos gehorchte oder gehorchen musste.


Hahne beklagt sich über das Jammern in der Gesellschaft, aber sein Buch ist ein einziges Gejammer über die angeblich verloren gegangenen Tugenden und Werte. Hahne beklagt sich auch über die Schamlosigkeit der Gesellschaft, schämt sich aber nicht ein solches Stammtischgewäsch zu veröffentlichen. „Der Verlust von Scham ist das erste Anzeichen von Schwachsinn“, wird Sigmund Freud zitiert. Nach diesen ersten Anzeichen sucht Hahne bei sich selbst nicht. Und das zu Recht. Denn Hahnes Buch ist nicht schwachsinnig, sondern hat eine klare, wenn auch für die meisten Leser verborgene politische Absicht. Hahnes Buch ist auch kein Einzelfall, sondern eine zusätzliche Stimme in dem Chor der Untergangspropheten, die uns Verzicht predigen, damit sie selbst weiterhin Wein trinken können.


Dass die 68er Revolution für Hahne ein Alptraum ist, ja der GAU schlechthin, dürfte nach diesen Einführungen nicht mehr überraschen. Dass die Protagonisten dieser Veränderung, die man ja durchaus auch gerne in die (geistige) Nähe des Terrorismus rückt, inzwischen dieses Land regieren, muss für Leute wie Hahne unerträglich sein. Er spricht von denen – meist waren es ja Studenten, die heute wichtige Positionen in Politik und Wirtschaft bekleiden - die eine unselige Autoritätsgläubigkeit der Deutschen beendet haben, als vom Mob der Straße. Hahne im Original: „Ich bin bis heute erstaunt, in welchen Schlüsselpositionen die damaligen (auch geistigen) Rädelsführer heute sitzen.“ Wenn Hahne von Rädelsführern spricht, dann darf man vermuten, dass er der Meinung ist, dass diese Rädelsführer zwar sitzen sollen, aber im Gefängnis und nicht auf Schlüsselpositionen. Diesen geistigen Schlenker verkneift sich Hahne aber und lässt diese Schlussfolgerung den Leser selbst ziehen.

Auf die vielen Herausforderungen, die wir zu bewältigen haben, hat Hahne eine alte Antwort: Holt Gott zurück und noch schlimmer: Holt Gott zurück in die Politik. Hinter dieser Forderung steckt keine Naivität, sondern ein gezieltes Kalkül, um die Macht wieder in die Hände der Konservativen gelangen zu lassen.

Vorbild ist bei dieser neuen politischen Strategie der unfähigste und gefährlichste Präsident, den die USA seit langem gehabt haben. Dadurch dass Bush vorgab mit Gott zu sprechen und dass Gott aus ihm spreche, hat er die vielen armen US-Bürger vergessen gemacht, dass Bush die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer gemacht hat. Die vielen frömmelnden Amerikaner konnten sich auch nicht vorstellen, dass der ebenfalls frömmelnde Präsident sie schamlos belogen hat. Deshalb sind die negativen Fakten, die an Bush haften, von einer Mehrzahl der Amerikaner nicht zur Kenntnis genommen worden, nicht geglaubt worden. Wenn Hahne sich über die Schamlosigkeit beklagt (siehe weiter oben), ist damit jedoch nicht das schamlose Belügen der US-Bevölkerung durch ihren Präsidenten gemeint.

Deshalb ist die Forderung, Gott in die Politik zu holen, ein Irrweg. Denn mit einem sogenannten Gottesbezug lassen sich noch mehr Fehlentwicklungen durchsetzen, als es ohne diese Verbrämung möglich ist. In Deutschland haben wir ja ohnehin schon die christlichen Parteien, ohne dass erkennbar ist, dass dies unserem Lande genützt hat. Gerade die Funktionäre der christlichen Parteien waren so ziemlich die einzigen in Deutschland, die den Irakkrieg vorbehaltlos unterstützt haben. Die „gottlosen“ Parteien mit dem „gottlosen“ Kanzler an der Spitze haben sich kompromisslos gegen den Krieg ausgesprochen und die Wahlen 2002 auch deshalb gewonnen.

Schluss mit lustig

Hahne zitiert Gerhard Schröder mit den Worten: „Ich will eine Gesellschaft, die Kirche überflüssig macht.“ Diesem Ziel ist insofern zuzustimmen, wenn damit der Missbrauch der Kirche verhindert werden soll. Missbrauch ist dann gegeben, wenn die Kirche die mit der wirtschaftlichen Entwicklung Unzufriedenen ruhig stellen soll. Die Kirche darf nicht als Opium für das Volk, als Valium für die Bevölkerung (Heiner Geißler am 1. März 2005 in der ARD) missbraucht werden. Genau diesen Eindruck des Missbrauchs hat man bei Hahne. Denn Hahne erkennt, dass dieses Wirtschaftssystem viele hoffnungslos macht. Und auch das hat Hahne richtig erkannt, ein Volk ohne Hoffnung ist zum Untergang verdammt, kann nicht mehr so viel erwirtschaften, dass die Reichen immer reicher werden. Hier soll nun die Kirche Hoffnung geben, dass nach diesem Jammertal und der irdenen Ungerechtigkeit der Himmel auf die Mühseligen und Beladenen wartet und die Hölle auf die im irdischen Leben Bevorzugten. Damit ist dann der ausgleichenden Gerechtigkeit Genüge getan.

Mit dieser rückwärts gewandten Strategie werden wir mit Sicherheit die Zukunft nicht gewinnen. Deshalb müssen wir verhindern, dass Steinzeit-Ideologen uns in eine neue Steinzeit führen. Denn mit dieser Strategie werden wir neue Antworten auf neue Fragen nicht gewinnen.

Wenn Hahnes Gedanken die Entwicklung bestimmen könnten, würde die Gesellschaft gespalten. Denn Hahne will eine intolerante, dogmatische und kämpferische Gesellschaft, in der über bestimmte Themen nicht mehr diskutiert wird, weil sie als ewige Weisheiten bereits feststehen. Dass in einer solchen intoleranten Gesellschaft kein Platz für neue Lösungen ist, so z.B. für die Aufnahme der Türkei in die EU, dürfte nicht überraschen. Doch gerade in einer Zeit einer grotesk aufgebauschten Terrorismusgefahr könnte das friedvolle Zusammenleben von zwei unterschiedlichen Kulturen die Lösung sein, die George W. Bush und die deutschen C-Parteien durch noch so viele Kriege und Einschränkungen der Freiheitsrechte nicht erreichen werden und auch gar nicht erreichen wollen. Denn hinter dem angeblich ewig währenden Krieg gegen den Terrorismus steckt nur die Absicht, die Macht einer bestimmten Clique auf Dauer zu festigen, deren gefährlichste Ausprägung Bush und seine Hintermänner sind. Auch Hahnes Buch dient diesem Ziel.

Die Bevölkerungsmehrheit der USA zahlt für diese Politik bereits einen sehr hohen Preis. Die angeblichen Maßnahmen zur Terrorabwehr (z. B. Verbot von Feuerzeugen in Flugzeugen und ähnlicher Schwachsinn) erzeugen eine Paranoia und die Flucht in eine Frömmelei, in der kein seelischer und wirtschaftlicher Wohlstand gedeihen kann. Angst, Bespitzelung, Denunziation, willkürliche Rechtsakte, eine massive Bedrohung der Pressefreiheit (und acht Mal so viel Strafgefangene wie in zivilisierten Ländern) erinnern mehr an den Archipel Gulag als an ein freiheitliches demokratisches Land. Hüten wir uns vor den falschen Propheten à la Hahne, die diese Zustände auch bei uns einführen wollen.

P.S. Die Zustandsbeschreibung der USA betrifft nur einen Teil der USA, der aber zur Zeit die Mehrheit hat. Der Autor kennt genügend US-Amerikaner, auf die obige Beschreibung nicht zutrifft und die mit der Situation in ihrem Land höchst unglücklich sind. Deutschland als ein wahrer Freund der USA muss alles tun, um die besten Kräfte des Landes zu stützen. Diese besten Kräfte bedürfen jedoch zur Zeit der massiven Unterstützung aus dem Ausland. Dazu gehört, dass Deutschland seine Beziehungen zur jetzigen Administration auf Eis legt und mit anderen Ländern zusammen die Welt ohne und notfalls auch gegen die USA organisiert. Siehe dazu auch den Artikel Bush-Wiederwahl
Die im Frühjahr 2005 vorgenommene Bestellung des größten UNO-Kritikers der USA zum UN-Botschafter und die Bestellung eines der größten Kriegstreiber Wolfowitz zum Vorsitzenden der Weltbank zeigt deutlich, dass Bush und Konsorten sich in Großmannssucht und Rambomanier aus einer verantwortlichen Weltpolitik verabschiedet haben. Jegliche Unterstützung der Bush-Administration macht die Situation für die fortschrittlichen Kräfte in den USA immer schwieriger und damit auch für uns. Denn wir müssen jedes Interesse daran haben, dass die USA wieder in den Kreis der fortschrittlichen, verantwortungsvollen und modernen Nationen zurück kehren.


Dies ist nur ein kleiner Abriss dessen, was man zu Hahnes Buch sagen muss. Vielleicht folgt noch eine Fortsetzung. Aber mehr am Stück über Hahne zu berichten möchte sich der Autor nicht antun.

5. März 2005

Über weitere "Unappetitlichkeiten" in Hahnes Buch berichtet Daniel Peukert:

"Schluß mit lustig ist es in der Tat, aber nur für die, die nicht von ihren Zinsen leben können. Für die Reichen fängt der Spaß jetzt erst richtig an. Diese Differenzierung sucht man in Hahnes neuem Buch vergeblich.
Würde Herr Hahne den geldwirtschaftlichen Zusammenhang erkennen und für ein Umdenken auf diesem Gebiet eintreten, hätte er beim Fernsehen gewiß keine großen Zukunftsaussichten."

Hier finden Sie die Rezension von Daniel Peukert über Hahnes Buch.




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