Rekordarbeitslosigkeit

Im Jahr 2005 wurden neue Rekorde bei der Arbeitslosigkeit von deutlich mehr als fünf Millionen Bürgern ohne Beschäftigung gemeldet. Rechnet man noch die dazu, die in irgendwelchen Maßnahmen „parken“, dann erhöht sich diese Zahl noch einmal um ca. 1,5 Millionen. Und nimmt man die hinzu, die arbeiten wollen, aber statistisch nicht erfasst sind, dann ergibt das insgesamt eine erschreckende Situation, und das bereits seit vielen Jahren.

Versagen seit einem Vierteljahrhundert

Alle herkömmlichen Maßnahmen haben seit Beginn der Kanzlerschaft von Kohl, also seit knapp einem Vierteljahrhundert keinen Erfolg gehabt. Vielleicht haben sie die Situation sogar noch verschärft.

Deshalb ist der erste und wichtigste Schritt zum Abbau der Arbeitslosigkeit dieses Eingeständnis des Scheiterns der bisherigen Maßnahmen. Davon sind wir aber weit entfernt. Denn wenn die sogenannten Experten nicht mehr mit ihren Plattitüden von noch mehr Sozialabbau, noch schärferem weltweiten Steuersenkungswettlauf und noch niedrigeren Löhnen hausieren gehen können, dann sind sie ratlos. Und wer möchte schon von diesen Pseudoeliten seine Ratlosigkeit eingestehen und seinen meist von der Bevölkerung gut bezahlten Job gegen Arbeitslosigkeit und Ein-Euro-Jobs eintauschen?

Tödliche Medizin

Stellen Sie sich einmal vor, eine Arznei würde Millionen von Toten (Arbeitslosen) verursachen. Und die Vermarkter dieser Arznei würden die Frechheit besitzen zu behaupten, die Medizin wirke, wenn sie in noch höheren (tödlicheren) Dosierungen verabreicht würde. In genau dieser Situation befinden wir uns seit Jahrzehnten. Nur mit dem Unterschied, dass diese Medizinmänner nicht im Gefängnis gelandet sind für den (vorsätzlichen?) Schaden, sondern weiter ihre Quacksalberei betreiben dürfen mit den bekannten verheerenden Folgen für die Gesamtwirtschaft. Es ist erstaunlich, dass offenbar niemand in der Lage (oder willens) ist, diesen Amoklauf einer kleinen Clique zu stoppen.

Immer dieselben Argumente

Mit denselben verhängnisvollen Argumenten wie heute wurde übrigens schon in den dreißiger Jahren hausieren gegangen mit den ebenfalls bekannten Folgen. Am Schluss dieser Abhandlung finden Sie einen Brief des Bundesfachverbands der Industrie an den unseligen Reichskanzler Brüning. Der Text von 1931 könnte auch von heute stammen. Also in über einem dreiviertel Jahrhundert nichts dazu gelernt.

Und bereits in den zwanziger Jahren hat der wohl bedeutendste Ökonom Lord Keynes seine Kollegen dafür gescholten, dass sie Rezepte anbieten, die im deutlichen Widerspruch zu den von ihnen behaupten Wirkungen stehen. Also auch diese Strategie unserer Pseudoeliten ist so uralt wie wirkungslos. Auch diesen Text von Keynes finden Sie am Ende dieser Abhandlung.

Neoliberale Theorie stammt von anno dunnemal

Nimmt dann noch hinzu, dass die sogenannte moderne Wirtschaftstheorie der Angebotsorientierung von anno dunnemal stammt, nämlich vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts (Jean Baptiste Say: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage), dann wundern Sie sich sicherlich nicht mehr über den ständigen Abstieg für die Bevölkerungsmehrheit. Wundern darf man sich aber über die Unverfrorenheit, mit der einige Pseudoeliten diesen Untergang in Szene setzen.

Ratlosigkeit jetzt auch beim Spiegel

Immerhin hat „Der Spiegel“ in seiner Titelgeschichte vom 7.3.2005 seine Hilflosigkeit eingestanden und keinen seiner bisherigen neokonservativen Ratschläge wiederholt, sondern lediglich beschrieben, dass alle bisherigen Maßnahmen versagt haben. Diesmal fehlt also der Hinweis, dass die bisherige tödliche Medizin in noch höherer Dosierung verabreicht werden müsse. Ein kleiner Lichtblick: Der Spiegel schreibt:

„Am Ende hat er (Schröder) den bundesdeutschen Wohlfahrtsstaat umfassender reformiert als jeder seiner Vorgänger - doch nicht umfassend genug, um das Land wirklich zukunftsfest zu machen.“

Versagen der CDU/CSU

Über die CDU/CSU heißt es im Spiegel:

„Zu genau erinnern sie (die CDU/CSU-Funktionäre) sich an jene 16 langen Jahre, in denen sie selbst wenig mehr als enttäuschte Hoffnungen produzierten. Den Aufschwung wählen, hieß ihr Slogan im Wahljahr 1983, nachdem sie das Land mit 300 Milliarden Euro Schulden und zwei Millionen Arbeitslosen übernommen hatten. Als sie später die wiedervereinigte Republik an Schröder übergaben, waren 110.000 Quadratkilometer Land, 17 Millionen Menschen und jede Menge Probleme hinzugekommen. Fast schon erleichtert sanken CDU, CSU und FDP auf die Oppositionsbänke.“

Was der Spiegel vornehm verschweigt, ist, dass Kohl die Arbeitslosigkeit auf ca. vier Millionen verdoppelt hat und die Schulden des Bundes gar verfünffacht hat. Der Autor hat daher in seinen Büchern dargestellt, dass Kohl als Schuldenkanzler in die Geschichte eingehen wird, der Kanzler, der in Friedenszeiten den größten Schaden für das Land angerichtet hat. Auch die finanziell total verunglückte deutsch-deutsche Vereinigung gehört zu seiner Bilanz. Kohl hat es geschafft, die ehemalige DDR von einem Tag auf den anderen bankrott zu machen, in dem er deren Währung durch die Einführung der D-Mark um ca. 300% aufwertete. Das hätte selbst die Wirtschaftsmacht USA von heute auf morgen ruiniert. Dies nur als kleine Ergänzung gegen das Vergessen und das Übertragen von erneuter Verantwortung an die, die diese Fehlentscheidungen zu verantworten haben.

Weiter sagt der Spiegel:

„Längst ist der Staat das, was er nie sein wollte: der Reparaturbetrieb des Kapitalismus.“

Der Spiegel zitiert den Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen, Bert Rürup, mit der Aussage: Die öffentlichen Finanzen fahren gegen die Wand.

Das sogenannte Zehn-Punkte-Sofortprogramm der CDU/CSU tut der Spiegel als fromme Wünsche ab.

Der Staat als Reparaturbetrieb des Kapitalismus

Indirekt gibt jetzt auch der Spiegel zu, dass der Kapitalismus reparaturbedürftig ist und diese Reparatur nicht mehr selbst bewerkstelligen kann. Der Staat als Reparaturbetrieb des Kapitalismus, aber der Kapitalismus will weiter bestimmen, nach welchen Spielregeln gespielt wird. So kann es nicht laufen. Wenn der Staat schon reparieren muss, dann nach neuen, total geänderten und vom Staat bestimmten Spielregeln.

Neue Ziele

Dazu gehören neue Ziele. Nicht mehr höchste Rendite darf das Toppziel der Wirtschaft sein, sondern höchster Beschäftigungsgrad. Zwar ist es innerhalb des falsch konstruierten Finanzsystems mit schwerwiegenden Strukturfehlern bei Geld, Zins, dem tödlichen Zinseszins und Staatsverschuldung (siehe dazu auch die Bücher von Horst Boettcher auf der Webseite www.kapitalismusfehler.de ) schwer, sinnvolle Vorschläge zu machen. Aber einige Dinge können auch im Umfeld dieser Flickschusterei wirken.

Hohe Beschäftigung könnte man dadurch attraktiv machen, dass Firmen bei mehr Personal als im Vorjahr einen deutlich günstigeren Steuersatz über mehrere Jahre erhalten. Und als Gegenstück dazu würden Firmen bei Abbau von Personal einen höheren Steuersatz über mehrere Jahre zahlen. Das würde das Freistellen von Personal deutlich unattraktiver machen und stattdessen die Einstellung von Personal attraktiver.

Eine von inzwischen von allen anerkannte Fehlentwicklung ist die einseitige Belastung des Faktors Arbeit mit allen Sozialkosten. Auch dies ließe sich leicht ändern. Wenn man alle sogenannten Produktionsfaktoren zur Zahlung heranziehen würde, würde der Faktor Arbeit deutlich attraktiver. Die Heranziehung hauptsächlich auch des Faktors Kapital ließe sich dadurch bewerkstelligen, dass der Einsatz von Kapital ebenfalls mit Sozialabgaben belastet würde. Der Einsatz von Kapital wird in den Bilanzen hauptsächlich durch die Zinszahlungen und die Abschreibungen (Abnutzung von Maschinen und Gebäuden) dokumentiert. Wenn auch auf diese Leistungen Sozialabgaben fällig werden, könnten

Die Lohnnebenkosten würden allein durch diese Maßnahmen deutlich sinken in einem Umfang, der mit allen bisher vorgeschlagenen und durchgeführten Maßnahmen nicht erreicht wurde. Und das Wichtigste ist, diese Maßnahmen würden nicht zu einer weiteren Verarmung der Bevölkerung führen, was ja das Kennzeichen der Vorschläge unserer Pseudoeliten ist, die das Land in die Stagnation geführt haben und wohl bald auch in die Deflation führen werden.

Weiterhin könnte man die Arbeitszeit drastisch verkürzen auf ca. sechs Stunden pro Tag, also das genaue Gegenteil der Vorschläge der Pseudoeliten. Denn wie durch Mehrarbeit mehr Beschäftigung enstehen soll unter den zur Zeit gegebenen Bedingungen, ist ja ohnehin das best gehütete Geheimnis der Nation.

Durch einen Sechs-Stunden-Tag würde es zu einem enormen Produktivitätsschub kommen. Das bedeutet, dass der Lohnausfall für den einzelnen bisher Beschäftigen nur gering wäre, während für die bisherigen Arbeitslosen die finanzielle und gesellschaftliche Situation deutlich besser würde.

Aber auch alle Sozialkassen würden durch die dann entstehende Quasi-Vollbeschäftigung deutlich entlastet und damit der Faktor Arbeit noch einmal billiger.

Außerdem würde durch den Sechs-Stunden-Tag die Volksgesundheit spürbar erhöht und damit die Gesundheitskosten und Krankenkassenbeiträge gesenkt.

Auch die Kinderfreundlichkeit würde bei Arbeitszeitverkürzung durch das leichtere Organisieren der Betreuung gesteigert und damit ein nachhaltiger Effekt erzielt, der bisher nicht erreicht wurde. Viele teure Kindergartenplätze wären nicht mehr nötig.

Leistungsfähiger Staat unverzichtbar

Natürlich muss der Staat finanziell leistungsfähig gemacht werden. Denn nur der Staat ist in der Lage, den fehlerhaften Kapitalismus umzugestalten in ein funktionierendes System. Z. B. warten im Bereich Infrastruktur ca. 300 – 400 Milliarden Euro Investitionen, um Kanalisation, Schulen, Straßen, Krankenhäuser, Brücken etc. zu sanieren. Die bisher versäumte Instandhaltung beschädigt ja nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit, sondern stellt auch zunehmend eine Gefahr für Leib und Leben von Bürgern und Schülern dar. Um diese und andere sinnvolle Investitionen zu finanzieren, müsste zunächst das bisherige Schneeballsystem Staatsverschuldung beseitigt werden. An seine Stelle müsste wieder ein Kreditsystem treten, in dem Kredite zurück gezahlt werden und nicht durch kriminelle Wechselreiterei bedient werden. Ein Staat, der glaubwürdig die echte Bedienung von Krediten zusichern würde beispielsweise durch Gefängnisstrafen für Politiker bei Nichteinhaltung dieser Verpflichtung, wäre auch kreditwürdig. Das würde selbst dann gelten, wenn die bisherigen wertlosen Schulden und die ihnen entsprechenden ebenfalls wertlosen Pseudogeldvermögen gestrichen werden müssen.

Natürlich können in einem fehlerhaften Gesamtsystem die vorgeschlagenen Maßnahmen nur Flickschusterei sein, was übrigens im verstärkten Maße auch für die Vorschläge der Pseudoeliten zutrifft. Nur letztere beschleunigen den Abstieg, während die hier vorgeschlagenen Maßnahmen uns eine Atempause für die dringend notwendige neue Konzeption des Gesamtsystems verschaffen. Zu diesen Fragen der Neukonzeption finden Sie Antworten in den Büchern des Verfassers dieser Abhandlung, aber auch in dem Artikel „Zinsen kaufen keine Autos“ und in den über click and buy sofort herunter ladbaren Kurzberichten.

Wirtschaftsweiser kennt Kapitalismusfehler

Übrigens kennt auch der neue Vorsitzende der Wirtschaftsweisen Bert Rürup die Fehler des Kapitalismus. Rürup hat den Autor des Buches „Das Ende des Kapitalismus“ Gero Jenner über den grünen Klee gelobt. In diesem Buch werden gerade die Fehler des Geld- und Zinssystems als Ursache für unsere Misere in den Mittelpunkt gerückt, aber auch viele andere Missstände skizziert. Siehe dazu auch den Beitrag Das Ende des Kapitalismus.

Wenn Rürup in einer großen Boulevardzeitung außerdem zugegeben hat, dass die Arbeitslosigkeit in überschaubarer Zeit nicht abgebaut werden kann, dann wird es also dringend Zeit, sich neuen Überlegungen zu öffnen. Der Weg des geringsten Widerstands, nämlich der Weg zu immer mehr Verarmung und die Erzeugung einer Abstiegsmentalität darf nicht weiter gegangen werden.

Alte Taktiken

Zum Schluss folgen die beiden versprochenen Artikel, die beide auf unterschiedliche Weise die Unverfrorenheit von Pseudoeliten dokumentieren, und das bereits seit einem Dreivierteljahrhundert.

Forderungen der Arbeitgeber von 1931

Zunächst der Brief der Arbeitgeberverbände aus dem Jahr 1931:

Im folgenden finden Sie das Schreiben des Reichsverbandes der deutschen Industrie vom 4. Mai 1931 an Reichskanzler Brüning. Wenn Ihnen das nicht gesagt würde, würden Sie bestimmt denken, dass es sich um eine Forderung des Bundesverbandes der deutschen Industrie an die Bundesregierung aus dem Jahr 2005 handelt.

Der Wirtschafts- und Finanzplan ... der Regierung ... ging von der Feststellung aus, dass die Höhe der von Gehalt und Löhnen, von Steuern und Soziallasten bedingten Gestehungskosten einer Anpassung der deutschen Wirtschaftsverhältnisse an die Umwälzungen auf dem Weltmarkt und damit auch einer Gesundung der deutschen Wirtschaft hemmend im Wege steht... Die deutsche Industrie hat sich dieser Auffassung in vollem Umfang angeschlossen ... Die deutsche Sozialpolitik muss endlich den seit Jahren von ihr eingehaltenen verhängnisvollen Weg der fortgesetzten Erhöhung der Einnahmen und der Leistungen der Sozialversicherungsträger aufgeben und das Ziel verfolgen, die Ausgaben ohne Zuschüsse aus dem Reichsetat zu decken. Das kann aber nur durch eine Senkung der jetzt weit überhöhten Leistungen geschehen ... Die gegenwärtige Wirtschaftslage verlangt mehr als je eine Auflockerung der bestehenden Erstarrung auf dem Gebiete von Lohn und Arbeitszeit, wenn es gelingen soll, in unserer Selbstkostengestaltung das Ziel zu erreichen, das ... der Regierung ... vorgeschwebt hat. Wir halten ... die bisher durchgeführten Lohnsenkungen in ihren Auswirkungen noch nicht für zureichend. Die Selbstkosten müssen von der Lohnseite eine weitere Entlastung erfahren. Nur auf diesem Weg kann auf die Dauer eine Verringerung der Arbeitslosigkeit und eine Vermehrung der Arbeitsplätze erzielt werden. (Gefunden in Karl Georg Zinn, Die Wirtschaftskrise; Zinn wiederum hat dieses Schreiben entnommen aus Flemming u.a., Die Republik von Weimar, Band 2)

Arbeitgeber haben nichts hinzu gelernt

Deutlicher lässt es sich nicht zeigen, dass innerhalb von 75 Jahren nichts hinzugelernt wurde, denn die Forderungen von 1931 sind deckungsgleich mit den Forderungen und Begründungen von 2005. Besonders gefährlich ist die Situation, weil man weiß, welche grausamen Konsequenzen die Forderungen von 1931 ausgelöst haben. Wenn man 2005 mit denselben Argumenten hausieren geht wie 1931, ist das erschreckend. Nichts hinzugelernt, ist man bereit, wieder verheerende Konsequenzen in Kauf zu nehmen, nur damit die kleine Gruppe der Profiteure unseres jetzigen Wirtschaftssystems noch eine kleine Weile ihre ungerechtfertigten und schädlichen Profite einstecken kann.

Wichtig ist, dass wir in Zukunft keine Wirtschaftskonzepte mehr akzeptieren, die sich in vielen Jahren nicht bewährt haben. Keine Chance mehr für die uralte Taktik: Wir müssen die seit Jahrzehnten erfolglose Wirtschaftspolitik nur noch konsequenter und noch länger durchsetzen, um Erfolg zu haben. Wenn dann nach weiteren Jahren die Erfolglosigkeit nicht mehr wegdiskutiert werden kann, dann werden flugs die sich gewandelten Verhältnisse für den Misserfolg verantwortlich gemacht. Und dann kann das Spiel von vorne beginnen. Denn auf lange Sicht nützen uns Erfolge nichts, falls sie denn überhaupt kommen. Auch das hat schon Keynes erkannt: Auf lange Sicht sind wir alle tot, sagte er. Deshalb sind die nur versprochenen ohnehin fraglichen Erfolge auf lange Sicht völlig uninteressant.

Schelte von Keynes an seinen damaligen und heutigen Kollegen

Jetzt folgt die Schelte von Keynes aus den dreißiger Jahren an den damaligen Pseudoeliten, die an Aktualität nichts eingebüßt hat.

Lord Keynes schreibt bereits im Jahr 1936 in seinem Hauptwerk "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes", Siebente Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 1994. Unveränderter Nachdruck der 1936 erschienenen ersten Auflage:
„Die hervorstechenden Fehler der wirtschaftlichen Gesellschaft, in der wir leben, sind ihr Versagen, für Vollbeschäftigung Vorkehrung zu treffen und ihre willkürliche und unbillige Verteilung des Reichtums und Einkommens.“ Seite 314.

Ist es nicht beschämend, dass dieser Satz heute, über 70 Jahre später, noch dieselbe Gültigkeit hat. Das, wofür die Wirtschaft sorgen soll, hat sie auch heute nicht erreicht. Deshalb brauchen wir auch nicht nach 25 Jahren erfolgloser Wirtschaftspolitik diese Politik noch einmal 15 Jahre fortzusetzen, um dann wiederum zu der Erkenntnis zu gelangen, dass Keynes´ Aussage immer noch richtig ist. Die einzigen, die davon profitieren würden, wären wieder die jetzigen Nutznießer des Systems. Sie könnten noch weitere 15 Jahre auf Kosten der großen Bevölkerungsmehrheit leben. Dass diese Taktik uralt ist, zeigt auch wieder Keynes. Er beschreibt, wie es der herrschenden Meinung immer wieder gelungen ist, bestimmte Problemfelder der Wirtschaft aus der öffentlichen Diskussion zu verbannen und dass man eine Wirtschaftspolitik betreiben kann, wo offensichtlich Anspruch und Wirklichkeit überhaupt nichts mehr miteinander zu tun haben. Politiker und Lobbyisten ersetzen die Wirklichkeit durch ihre Sprechblasen. Wortsinne werden umgedeutet. Das Wort Reform, das bisher mit einer positiven Bedeutung besetzt war, wird zu einer Bedrohung. Statt vom Abbau spricht man vom Umbau der Sozialsysteme.

Wie es gelingen kann, unliebsame Wirtschaftsthemen aus der Öffentlichkeit zu verbannen, hat Lord Keynes in seinem berühmten Hauptwerk "Die allgemeine Theorie.." 1936 beschrieben:

„Die Anschauung, dass wir die Funktion der gesamten Nachfrage ohne weiteres übersehen können, bildet die Basis der Wirtschaftslehre von Ricardo, die dem, was man uns über ein Jahrhundert lang gelehrt hat, zugrunde liegt. Malthus hat zwar Ricardos Doktrin, dass die wirksame Nachfrage unmöglich unzureichend sein könne, heftig bekämpft, aber umsonst. Weil nämlich Malthus nicht deutlich erklären konnte (von einer Berufung auf allgemeine Erfahrungstatsachen abgesehen), wie und warum wirksame Nachfrage unzureichend oder übermäßig sein könne, misslang ihm die Bereitstellung eines alternativen Aufbaus, und Ricardo hat England so vollständig erobert, wie die Heilige Inquisition Spanien. Nicht nur wurde seine Theorie von der City, von Staatsmännern und der akademischen Welt angenommen, sondern der wissenschaftliche Streit nahm ein Ende; der andere Standpunkt verschwand vollkommen; man hörte auf, ihn zu erörtern. Das große Rätsel der wirksamen Nachfrage, mit dem Malthus gerungen hatte, verschwand aus der wissenschaftlichen Literatur. Man wird sie in den gesamten Werken von Marshall, Edgeworth und Prof. Pigou, die der klassischen Theorie ihre reifste Verkörperung gaben, auch nicht ein einziges Mal nur erwähnt finden. Sie konnte nur verstohlen unter der Oberfläche weiter leben, in den Unterwelten von Karl Marx, Silvio Gesell oder Major Douglas.
Der völlige Sieg erscheint merkwürdig und rätselhaft. Er muss dem Umstand zugeschrieben werden, dass die Doktrin in hohem Maße der Umwelt angepasst war, in die sie geworfen wurde. Dass sie Schlüsse zog, die grundverschieden waren von dem, was der gewöhnliche ungebildete Mann erwartet hatte, hat ihr intellektuelles Prestige offenbar nur gesteigert. Dass ihre Lehre, aufs wirkliche Leben übertragen, hart und oft ungenießbar war, verlieh ihr Tugend. Dass sie geeignet war, einen mächtigen und logisch konsequenten Überbau zu tragen, gab ihr Schönheit. Dass sie erklären konnte, dass eine Menge sozialer Ungerechtigkeiten und scheinbarer Grausamkeiten unvermeidliche Zwischenfälle im Fortschrittsplan seien und dass jeder Versuch, solche Zustände zu ändern, im ganzen voraussichtlich mehr Harm als Gutes bringen würde, empfahl sie der Obrigkeit. Dass sie den uneingeschränkten Tätigkeiten der einzelnen Kapitalisten eine gewisse Rechtfertigung gewährte, zog ihr die Unterstützung der herrschenden sozialen Macht zu, die hinter der Obrigkeit stand.
Aber obschon die Doktrin selbst bis vor kurzem von den orthodoxen Ökonomen unangefochten blieb, hat ihr ausgesprochenes Versagen für Zwecke wissenschaftlicher Voraussage im Laufe der Zeit das Ansehen ihrer Adepten sehr geschmälert. Denn die Berufsökonomen nach Malthus wurden offenbar von der mangelnden Übereinstimmung zwischen den Folgerungen ihrer Theorie und den Erfahrungstatsachen nicht berührt: ein Widerspruch, der dem gewöhnlichen Manne nicht entging, mit der Folge, dass er den Ökonomen mehr und mehr die Achtung verweigert (siehe auch das Kapitel "Verachtung für die Schuldenmacher" in dem Buch von Horst Boettcher „Michel erwache“), die er anderen Gelehrten zollt, deren theoretische Folgerungen durch die Beobachtung bestätigt werden, wenn sie auf die Wirklichkeit übertragen werden.“

Schlussfolgerungen aus der Keynes-Schelte

Keynes macht hier auf drei Dinge aufmerksam. Erstens, dass es auch schon früher gelungen ist, bestimmte wichtige wirtschaftliche Tatbestände vollkommen aus der Diskussion auszublenden. Und zweitens ist es möglich, eine Theorie der Öffentlichkeit zu verkaufen, die ganz andere Ergebnisse hervorbringt als vorhergesagt. Der dritte und beschämendste Punkt ist, dass man eine Theorie verkaufen kann, nach der die wirtschaftliche Situation für eine lange Zeit immer schlechter wird (werden muss), bis sich eines Tages alles zum Besten wendet (oder auch nicht). Und dass diese Abfolge von Ereignissen ein Naturgesetz sei, an dem man tunlichst nicht herumexperimentieren sollte, sondern dass die Bevölkerungsmehrheit demütig als Schicksal annehmen muss. Also wenn wir jetzt schön brav sind und noch einmal fünfzehn Jahre hart arbeiten und dabei den Gürtel noch enger schnallen (und den Spargel selbst stechen), wird alles gut (oder auch nicht). Es gibt kein fehlerhaftes Produkt und keine mangelhafte Dienstleistung, die man mit einer so schwachsinnigen Begründung verkaufen könnte. Aber das gesamte Wirtschaftssystem des fehlerhaften Kapitalismus kann man immer wieder mit solchen Argumenten verkaufen zu Zeiten von Keynes wie auch heute. Die Rezepte haben sich nicht geändert. Wenn wir uns das nicht länger gefallen lassen wollen, müssen wir diesen drei Haupttaktiken entgegentreten:

Kein Unternehmer wäre so naiv, etwas zu unternehmen, was sich erst in Jahrzehnten auszahlen würde. Die Bevölkerung sollte sich auf solche Konzepte ebenfalls nicht einlassen und sich immer bewusst sein, dass ihre Eliten hauptsächlich ihren eigenen Profit im Auge haben und dass fast alle Äußerungen dazu bestimmt sind, die Bevölkerung von der Erkenntnis der wirklichen Probleme abzulenken und wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation für die große Bevölkerungsmehrheit zu verhindern.




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