Die Gegner der Bevölkerung

Der Leiter des braven ZDF-Wirtschaftsmagazins WiSo hat ein gar nicht braves Buch über die Wirtschaft geschrieben.
Der Titel lautet:
Die Blutsauger der Nation - Wie ein entfesselter Kapitalismus uns ruiniert.
Schon der Titel und der Untertitel sind bemerkenswert. Meist scheut man sich, die Dinge so klar beim Namen zu nennen. Die die Medien und die öffentliche Meinung beherrschenden Meinungsmacher wollen uns ja genau den gegenteiligen Eindruck vermitteln, was allerdings (wohl auch wegen des Internets) immer schwerer fällt. Die Erkenntnisse von Michael Opoczynski, dem Autor der Blutsauger, sind sind nicht neu. Neu ist, dass sie auch ausgesprochen werden und noch bemerkenswerter ist, dass ein führender Redakteur des ZDF sich traut, diese Wahrheiten zu verkünden. Noch verblüffender wäre es, wenn mit diesem Buch nicht seine ZDF-Karriere beendet würde. Das wird man sehen. Vielleicht hat ja das ZDF auch etwas Scham und hält eine Schamfrist ein bis zur Degradierung oder dem Rauswurf . Man wird sehen. Denn die Linie des ZDF wird eher durch so wohlgefällige Mitarbeiter wie Peter Hahne mit seinen unsäglichen Aussagen in "Schluss mit lustig" charakterisiert.

Die Herren der Republik

Eine wesentliche Erkenntnis von Michael Opoczynski findet man direkt auf der Buchrückseite:
Über das Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft und damit auch über die Lebensbedingungen der deutschen Bevölkerung wird nicht von gewählten Politikern entschieden, sondern von ein paar Managern, Bankern, Unternehmensberatern und Juristen. Sie sind die wahren Herrscher.
Diese Tatsache ist schon schlimm genug. Zu einem Desaster wird diese Tatsache jedoch durch eine Wertung dieser Herrscher. Nach einem Exkurs in die irreführenden Zielsetzungen des shareholder value und der Renditemaximierung (Stichwort Deutsche Bank mit dem unsäglichen "Victory-Mann" Ackermann und 25% Renditeziel) kommt Opoczynski zu dem Schluss:

Gegner der Menschen

Ein Unternehmen ist mehr als ein Automat zur Maximierung des eingesetzten Kapitals innerhalb kürzester Frist. Wer nur dies sieht und nur dies betreibt, ist Gegner der Menschen, die in diesem Unternehmen arbeiten, die diesem Unternehmen ihr Geld geliehen haben, die seine Kunden sind.
Das heißt, wir werden nicht durch die gewählten Vertreter des Volkes "beherrscht", sondern durch nicht gewählte Vertreter des Kapitals. Das ist schon schlimm genug. Aber das könnten auch gütige und weise Herrscher sein, die das Beste für ihre "Untertanen" wollen. Doch Opoczynski kommt zu dem gegenteiligen Schluss. Bei diesen Herrschern handelt es sich um die Gegner der Bevölkerung. Damit sind wir in der Bredouille. Insofern hat Hahne tatsächlich Recht. Da ist wirklich Schluss mit lustig. Allerdings in einem ganz anderen Sinn und aus eben aus ganz anderen Gründen, die Hahne nicht versteht, nicht verstehen will und die er deshalb füglich in seinem Buch verschwiegen hat. Das ist der Gegensatz zwischen Hahne und Opoczynski. Hahne verschweigt die Fakten, und zwar wider sein besseres Wissen (und vielleicht auch wider sein schlechtes Gewissen. Was dazu wohl der liebe Gott sagen wird, Herr Hahne?) und Opozcynski legt die Fakten auf den Tisch. Das wird den Herrschenden gar nicht recht sein. Die Abstrafung von Opoczynski wird deshalb nicht lange auf sich warten lassen. Zwar können sich die Herrscher normalerweise auch immer einige Hofnarren halten. Doch diese Großzügikeit können sich die Herrscher heute nicht mehr leisten, ihre Nerven liegen blank. Und Öffentlichkeit für das, was diese "masters of the universe" tun, ist eben gefährlich und höchst unerwünscht.

Gesindel und Täter

In der Charakterisierung der Gegner der Bevölkerung spricht Opoczynski eine deutliche Sprache. Er schreibt:
Schließlich handelt dieses Buch von den ganz bewusst »Kalten« - von denen, die genau wissen, was sie tun. Die irgendwann beschlossen haben, richtig reich zu werden, und die ihren Weg in eisiger Konsequenz beschreiten. Sie hinterlassen zerstörte Unternehmen, arbeitslose Menschen, geprellte Aktionäre. Ihr Tun ist juristisch kaum zu belangen - und das wissen sie, denn diese Täter verfügen über hohe Intelligenz. All diese Menschen verbindet, dass sie die Öffentlichkeit scheuen. Sie wollen nicht, dass wir wissen, was sie treiben. Deswegen dieses Buch. Es soll Luft und Licht hineinbringen in eine düstere, geschlossene Gesellschaft. Manche wird das ärgern. Das macht nichts! Im Gegenteil, es soll so sein. Und da überhaupt nicht der Eindruck erweckt werden soll, unsere wirtschaftliche Elite bestehe ausschließlich aus Gesindel, bietet dieses Buch auch die Erträge aus Gesprächen mit Unternehmern, Managern, Wirtschaftswissenschaftlern und anderen. Es sind die, die ganz anders denken und handeln. Gut, dass es sie gibt.
Selten hat ein Autor den Großteil unserer Herren Gesindel genannt. Und Opoczynski räumt auch mit dem wohlfeilen Entschuldigungsargument auf, dass die Herren so grausam handeln müssten, sonst täten es eben die anderen. Opoczynski nennt dieses Argument: Die uralte Ausrede der Täter dieser Welt. Die Herren als Gegner, als Gesindel, als Täter. Man muss es so deutlich sagen und die Bevölkerung muss es so deutlich begreifen, wenn sie nicht immer wieder auf die leeren Versprechungen der herrschenden Minderheit hereinfallen will.
Blutsauger
Und es gibt tatsächlich Hoffnung. Der Ausgang der Bundestagswahl vom Herbst 2005 mit der völlig überraschenden Demontage der Union und deren Kanzlerkandidatin in einem bisher einmaligen Ausmaß zeigt, dass die Bevölkerung trotz des medialen Trommelfeuers und demagogischer Demoskopen nicht mehr so leicht den Flötentönen der Rattenfänger folgt.
Der Autor von "Michel erwache" und Schreiber dieser Rezension hat im Übrigen schon 1998 seinem Buch das Motto vorangestellt:
"Sind Eliten und Lobbyisten die gefährlichen Gegner der Bevölkerungsmehrheit?"
Aus falsch verstandener Höflichkeit wurde die Aussage damals in Frageform gekleidet, während hinter diesen Satz schon damals ein oder mehrere Ausrufezeichen gehörten.

Die Denkfehler des Systems

Das zweite Motto von "Michel erwache" war:
"Wehe dem Volke, dessen Eliten das kleine Einmaleins mit Füßen treten."
Dahinter steckt die in "Michel erwache" dargestellte Erkenntnis, dass das kapitalistische System nicht funktionieren kann, weil es gegen das kleine Einmaleins verstößt. In "Michel erwache" wurde das am Geld-, Zins- und Staatsschuldensystem dargestellt und bewiesen.
Auch Opoczynski weist auf die gravierenden Unterschiede zwischen Real- und Finanzwirtschaft hin. Die Hinwendung zu immer mehr Finanzdienstleistungen und ihren explodierenden Belastungen für die Bevölkerung ist auch für Opoczynski ein Hauptgrund für den gegenwärtigen Niedergang. Auch in den Börsen sieht er mehr das Krisenhafte als das Nützliche. Aber insbesondere weist er darauf hin, dass das ständige Verlagern von Arbeitsplätzen in das Ausland zum Zusammenbruch des Systems führen wird. Ebenso negativ bewertet er den Trend zu immer geringeren Löhnen im Inland bis hin zu den Auswüchsen durch die Ein-Euro-Jobs.
Die pure Marktmacht führt aber nun zu einem gnadenlosen Abzocken, bei dem es am Ende nur noch Verlierer geben wird. Wenn Geiz wirklich geil ist, wird es irgendwann für fast alle nur noch Ein-Euro-Jobs geben. Wenn niemand mehr etwas verdient, kann auch niemand mehr etwas kaufen. Dieses Endstadium hat die globale Wirtschaft noch nicht erreicht, aber sie marschiert geradewegs darauf zu. Gerade die großen Konzerne glauben, dass sie auf Grund ihrer Marktmacht in der Lage seien, alle anderen abzocken zu können.
Die reale Welt der Gütererzeugung und Bereitstellung von produkionsnahen Dienstleistungen, die allein Wohlstand erzeugen können, wird zunehmend ersetzt durch Finanzgeschäfte aller Art. In der Finanzwelt kann jedoch kein Mehrwert erzeugt werden, keine win-win-Situation entstehen. Sondern hier ist immer der Gewinn des einen (oft durch Betrug - legal oder illegal)der Verlust des Kontrahenten.
Noch lassen sich durch die Finanzgeschäfte der Konzerne fette Gewinne erwirtschaften, die die Bilanzen schönen, aber die reale Wirtschaft, in der etwas hergestellt oder eine Dienstleistung erbracht wird, lässt sich dadurch auf Dauer nicht ersetzen. Unsere Wirtschaft, auch die globale, ist ein riesiges Kreislaufsystem, in dem jeder sowohl Lieferant als auch Kunde ist. Der einfache Arbeitnehmer liefert seine Arbeitskraft und kauft mit dem verdienten Geld Waren und Dienstleistungen. Die Unternehmen produzieren und liefern diese Waren und kaufen von dem Erlös Arbeitskraft und Rohstoffe. Wenn die Unternehmen jetzt glauben, alle anderen abzocken zu können, indem sie die Produktion an immer neue Standorte verlagern, die noch billiger sind als die vorherigen, dann werden sie auf lange Sicht gesehen auch nur noch dort ihre Waren verkaufen können, weil die Kaufkraft mit der Produktion mitwandert.

"Sozialklimbim" als positiver Standortfaktor

Was heute von den Herrschenden als Sozialklimbim verunglimpft wird, ist nach Opoczynski der Kitt, der eine Gesellschaft zusammen hält. Das trifft insbesondere auf das Gemüt der Deutschen zu, was sich auch in dem für die neoliberale Heilslehre desaströsen Wahlergebnis vom Herbst 2005 gezeigt hat. Opoczynski schreibt:
Es sind die begeisterten Befürworter einer ungehemmten Globalisierung, die gleichzeitig die Notwendigkeit einer sozialen Bindung der Wirtschaft verneinen. Allerdings gibt es heute immer mehr Wirtschaftswissenschaftler, die sich dem Marktgeschehen nicht von einer abstrakten theoretischen Seite her nähern, sondern empirisch erforschen, was am Markt und in der Wirtschaft tatsächlich passiert. Das sind die so genannten Verhaltensökonomen. Sie haben festgestellt, dass die Menschen sich mehrheitlich nicht so verhalten, wie von der Theorie angenommen, dass sie nicht nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, sondern dass Fairness, Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit eine große Rolle spielen und sie Kooperation für alle auf Dauer als gewinnbringender ansehen als kurzfristige Vorteilsnahme. Wer Zugeständnisse macht, bringt alle Beteiligten in eine positive Situation. Würde nämlich tatsächlich jeder nur auf seinen eigenen Interessen beharren und sie mit Sachzwängen zu legitimieren versuchen, käme irgendwann das gesamte System zum Erliegen. Doch genau das ist die Strategie der großen Konzerne.
Opoczynski widerspricht auch vehement der These, Soziales könne man sich nur in guten Zeiten leisten. Das Gegenteil ist der Fall. Ohne soziale Balance gerät auch das ganze System außer Balance.
Das Soziale einer Marktwirtschaft ist nicht etwa das Sahnehäubchen, das man obendrauf setzt, solange man es sich leisten kann, es ist ein essenzieller Bestandteil. Das ist die Erkenntnis der Verhaltensökonomie. Menschen wollen moralisches Verhalten und brauchen es, um das Zusammenleben zu gestalten. Theorien mögen darauf verzichten können, aber ein Markt ohne Moral funktioniert eben immer nur innerhalb einer befristeten Zeit, bevor er zusammenbricht. Das hat auch die Vergangenheit immer wieder gezeigt. Da diese Zeit aber noch nicht um ist, wird in Deutschland abgezockt, was das Zeug hält.

Experten verweigern die Lösungen

Opoczynski hat die Lösungen nicht, um die verhängnisvollen Strömungen des zusammen brechenden Kapitalismus aufzuhalten. Das ist ihm nicht vorzuwerfen. Denn die Lösungen müssten von den zigtausend von der Bevölkerung üppig bezahlten sogenannten Experten in Ministerien, Verwaltungen, Stiftungen, Hochschulen, Wirtschaftsinstituten erarbeitet werden. Doch diese Experten haben versagt, wieder einmal. Sie sehen noch nicht einmal die Probleme, wollen sie nicht sehen oder dürfen sie nicht sehen, wenn sie ihre gut bezahlten und bequemen Jobs nicht verlieren wollen.
Opocyznskis Verdienst ist es, den Holzweg aufgezeigt zu haben, auf dem wir uns befinden und der uns gnadenlos ins Off befördern wird. Die oben genannten Experten haben nicht nur nicht die Lösung, sondern sie sind dazu da, die Probleme zu leugnen und damit die Bevölkerung zu täuschen. Dies gelingt jedoch immer weniger. Bei der Bundestagswahl im Herbst 2005 hat eine deutliche Mehrheit dem gefährlichen Neoliberalismus ohne Moral, ohne soziale Balance und ohne Lösungskompetenz die rote Karte gezeigt. Die von den Konservativen geplante Rolle rückwärts in die achtziger Jahre zu den unseligen Zeiten und Methoden einer Maggie Thatcher und eines Ronald Reagan findet nicht statt. Angela Merkel, als deutsche Maggie Thatcher hoch gejubelt, hat weder das Format für diese Rolle noch wird sie je die Mehrheit für diesen sozialen Kahlschlag einer mehr als einfallslosen Politik erhalten.

Bisherige Denkansätze gescheitert

Allerdings dämmert inzwischen selbst dem Spiegel, der nach Augsteins Ausstieg zu einem von vielen neoliberalen Sprachrohren verkümmert ist, dass etwas nicht stimmen kann mit den neoliberalen Heilslehren. Im Heft 37/2005 heißt es:
Nach zwei Jahrzehnten Reformdiskussion stellt sich die gern verbreitete Weisheit ("Es gibt in Deutschland kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem") als Illusion heraus.
Und weiter heißt es im Spiegel:
Der freudlose Grabenkampf um jeden Zentimeter des bundesdeutschen Sozialstaates hat am Ende so gut wie keine Geländegewinne gebracht. Die gewaltigen politischen Kraftanstrengungen, die das Land aufwühlten, brachten am Ende im günstigsten Fall eine vorübergehende Stabilisierung der Verhältnisse.
Bei Opoczynski lässt sich nachlesen, weshalb diese Bemühungen scheitern mussten. Und die Herrschenden müssen einsehen, dass ihr Versuch mit medialem Trommelfeuer die Bevölkerung für dumm zu verkaufen und zum Lastesel der Nation zu machen ebenfalls gescheitert ist. Hoffen wir mit Opoczynski, dass der kleine Kreis von Verantwortlichen jenseits der Blutsauger stark genug ist, die Blutsauger ihrer gerechten Strafe zuzuführen und das System vom Kopf auf die Füße zu stellen.


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