Alte und neue Werte

Tip und Tap. Eine Stunde lang entsteht in Berlin ein besseres Deutschland - Horst Seehofer stellt Oskar Lafontaines neues Buch vor.

Unter obiger Schlagzeile berichtete ein Spiegelredakteur über die Pressekonferenz, bei der Oskar Lafontaines neues Buch "Politik für alle" vorgestellt wurde.

Selten hat man einen dümmlicheren, arroganteren Redakteur erlebt, der gar nicht genug Spott, Häme und Verachtung über Seehofer, Lafontaine und das Buch ausschütten konnte. Erstaunlich, dass ein Redakteur, der diesen beiden Politikern nie wird das Wasser reichen können, sich in völliger Fehleinschätzung so überlegen und wissend dünkt. Ein Redakteur, der es sich vielleicht nie leisten kann, seine eigenen Gedanken und Meinungen vertreten zu können, sofern solche vorhanden sein sollten.

Die Respektlosigkeit beginnt gleich bei Tip und Tap, wie der Redakteur die beiden Politiker zu benennen beliebt.

"Sie erinnern etwas an Tip und Tap, die legendären Maskottchen der Fußball-Weltmeisterschaft 1974, der eine war groß, der andere klein."

Der eine war groß (Seehofer) und der andere war klein (Lafontaine). Gut, dass wir das jetzt wissen. Dem Redakteur sei Dank. Dann geht es auf unterem Niveau weiter.

"Der Große neben dem Kleinen. Helden in einer Zeit, in der die Dinge noch nicht so unkontrolliert durch die Welt flogen wie heute. In der der 11. September noch ein Tag war wie 364 andere. In der es noch Leitplanken gab, Nato und Warschauer Pakt- Gut und Böse, links und rechts, Wohlstand für alle, Politik für alle."

Daraus darf man schließen, dass die Verhältnisse 1974 noch überschaubar waren und einfach, wo auch Tip und Tap, Dick und Doof, Lafontaine und Seehofer und der Redakteur die Welt noch verstanden hätten. Nur hat offensichtlich der Redakteur die Zeit von 1974 nicht verstanden. Denn 1974 war genau nach der ersten Ölkrise und die gesamte Welt stand vor großen Herausforderungen. Die Nato gab es 1974 wie heute. Gut und Böse gab es damals nicht in der Politik, aber heute. Um gut und böse in die Politik einzuführen, musste erst ein unfähiger und gefährlicher, frömmelnder US-Präsident die Bühne betreten. Weiter mit dem Redakteur:

"Sie sind gekommen, weil sie Deutschland retten wollen. Seehofer war Kohls Gesundheitsminister, Lafontaine Parteichef der SPD. Heute sind sie nichts mehr. Zwei Geflüchtete stehen da, zwei Gescheiterte."

Wieso Leute gescheitert sind, die für ihre Überzeugungen stehen und es sich leisten können, nicht an ihren Positionen zu kleben wider besseres Wissen und Gewissen, bleibt wohl das Geheimnis dieses Redakteurs. Gescheitert sind doch wohl die Politker und die anderen Pseudoleliten, die den Abstieg zu verantworten haben, und Schreiberlinge, die den Abstieg wohlwollend begleiten und als unabänderlich verkaufen wollen.

Angepasste Karrieristen und Leute, die schreiben, was man ihnen aufträgt, haben wir so viele, dass wir damit die Straßen pflastern können. Nur diese Pseudoeliten brauchen wir nicht, sie sind die Totengräber der Gesellschaft.

"Zusammen scheiterten sie an der neuen Welt, der globalisierten Welt, an einer Politik, die ökonomischer werden musste, rauer und unbehaglicher. Sie wollten diese neue Welt mit alten Werten bekämpfen, sie redeten von Gerechtigkeit, vom Staat als Schutzmacht des kleinen Mannes, von Wohlstand für alle."

Neue Welt mit alten Werten bekämpfen. Verwechselt hier jemand neu mit modern und alt mit altmodisch. In diese Falle ist schon der amerikanische Verteidigungsminister getappert, als er sich mit dem alten und neuen Europa unsterblich blamiert hat. Ist Gerechtigkeit ein alter Wert? Ja. Ist Gerechtigkeit ein altmodischer Wert? Nein. Ist es inzwischen schon obszön, von Wohlstand für alle zu reden. Traurige Welt eines ach so neuen Spiegelredakteurs, der mit hängender Zunge dem angeblichen Zeitgeist hinterher hächelt.

"Was sie (Lafontaine und Seehofer) sagen, ist nicht überraschend. Der Neoliberalismus ist eine Irrlehre. Der kleine Mann wird untergepflügt, die Reformen bringen keine Arbeitsplätze, Hartz IV ist ein Verstoß gegen die guten Sitten, diese Politik muss zurücktreten. Einkommensmillionäre, Reichtumsteuer, Nachfragepolitik, Investitionsprogramme. Solche Begriffe dudeln durch den Saal. Sie rieseln auf einen herab wie Fahrstuhlmusik, sie erreichen einen nicht mehr."

Diese Begriffe, die an dem Redakteur vorbei dudeln, sind und bleiben wichtige Bestandteile jeder erfolgreichen Wirtschaftspolitik. Wir sollten sie nicht gering schätzen und zumindest verstehen, denn wir werden sie noch brauchen. Spätestens dann, wenn auch der letzte Ignorant die verheerenden Ergebnisse der neoliberalen Politik nicht mehr leugnen kann. Leute, die dem Zeitgeist hinterher hächeln, können ganz schnell out sein, alt aussehen. Wir brauchen nicht die Mitläufer, sondern Leute, die sich vorurteilsfreies Denken leisten können. Deshalb brauchen wir noch viel mehr Lafontaines und Seehofers und viel weniger arrogante und überforderte Redakteure. Dann könnte in der Tat ein besseres Deutschland entstehen.




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